Auszug aus "Z-Plan,"

Schilderung einer höheren Makara-Befragung

und des sexualmagischen Pralada-Akts.

     

                                                        

 

 

Fischer wartete im ‚Kings Corner', einem Restaurant in einer Seitenstraße der Königsallee. Das war ein Speiserestaurant, um diese Tageszeit wenig besucht. Peter Fischer saß allein an einem Fenstertisch. Wie er Lukowsky kommen sah, erhob er sich, gab die Hand und sagte: „Danke, daß Sie gleich gekommen sind, Herr Lukowsky! Bitte nehmen Sie Platz.“ Lukowsky tat es. Sofort erschien ein Kellner. Lukowsky bestellte einen Kaffee. Fischer erklärte: „Wir bleiben nicht lange hier. Ich habe Ihnen etwas zu zeigen, beziehungsweise... Aber zuerst...“ Fischer reckte den Hals, der diesmal aus einem weißen Rollkragenpullover ragte, dazu trug er einen taubenblauem Anzug mit Weste: „Zuerst muß, möchte, ich Sie etwas Persönliches fragen, wenn Sie erlauben.“ Lukowsky steckte sich eine Zigarette an: „Fragen Sie!“ Fischer nahm seinen Faden wieder auf, den er schon im Hotel ‚Corona' zu spinnen begonnen hatte: „Mein Eindruck von Ihnen ist, war von Anfang an, daß Sie weniger als die meisten Leute heutzutage an der Materie hängen – ich meine, Geld ist für Sie nicht alles, obwohl Sie nicht wohlhabend sind. Trifft dieser Eindruck zu?“ Lukowsky deutete ein Kopfnicken an. Fischer machte dieses Kopfnicken nach: „Gut! Dann hören Sie mir jetzt zu! Ich bin, um dies vorwegzunehmen, meinem Freund Busch loyal. Er weiß, meine Intentionen sind andere als die seinen. Das ist sogar von Vorteil, denn ich will nicht haben, was er haben will, und umgekehrt. Das viele Geld interessiert mich nicht. Ich stehe unter den Strahlen des Pralada, der Schwarzen Sonne.“

Lukowsky mußte unwillkürlich daran denken, welche kuriose Bemerkung erst vorhin Cornelius gemacht hatte, als er vor ‚schwarzem Sonnenbrand‘ warnte. Aber er war sich nicht sicher, ob da ein Zusammenhang bestehen mochte. Er fragte:  „Des, der    was?“  -  Fischer antwortete darauf nur:  „Das ist jetzt noch nicht wichtig für Sie, Sie erfahren es bald.“ Der Kellner brachte den Kaffee, und Fischer bezahlte sogleich. Er wendete sich wieder Lukowsky zu: „Jetzt, Herr Lukowsky, der zweite Punkt, eine sehr persönliche Frage: Glauben Sie an das Übersinnliche?“ Fischer sah ihm erwartungsvoll in die Augen. Lukowsky antwortete ohne Umschweife: „Nein. Ich bin auch weder religiös noch lese ich in Zeitungen Horoskope.“ Fischer lächelte in sich hinein: „So meinte ich es nicht, Herr Lukowsky, nicht so banal!, Sie werden mich gleich besser verstehen. Es ist nicht entscheidend, ob Sie an den Weg der Übermittlung glauben, es kommt nur darauf an, daß Sie die Information als solche wahrnehmen und nutzen! Es ist wichtig - wichtig für die Sache, - daß Sie ihre Mission erfüllen.“ Er warf einen Blick auf seine Uhr: "Sie haben Ihren Wagen da? Dann sollten wir in der nächsten Viertelstunde  aufbrechen.“  Lukowsky fragte:  „Fliegen Sie eigentlich? Ich frage danach, weil Sie sich ja mit Flugzeugen gut auskennen.“ - „O ja,“ antwortete Fischer: „Ich hatte einen Flugschein. Früher. Leider ist er verfallen. Sie wissen ja, die jährlichen Pflichtstunden. Ich kam nicht mehr dazu. Es war keine Geldfrage, sondern die Zeit.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr: „Ich denke, wir könnten aufbrechen. Besser zu früh als zu spät.“

 

Die Fahrt führte durch die halbe Stadt, bis zur Benrather Schloßallee und endete vor dem Eingang eines gepflegten Reihenhauses. Fischer kletterte umständlich aus dem Mustang, als wolle er demonstrieren, wie unbequem er ein solches Auto finde, was Lukowsky sich aber auch nur einbilden möchte. Fischer zupfte an sich herum, rückte den Sitz seines Jacketts zurecht und wartete einen Moment bei der niedrigen Pforte, die durch einen winzigen mit Blumen bepflanzten Vorgarten zur Haustür führte. Die Blumen blühten prächtig, obwohl der Sommer vorbei war. Fischer bereitete Lukowsky vor: „Wir werden jetzt eine Dame besuchen, eine liebe gute Freundin von mir. Ihr Name ist Astrid Xylander. Bitte reden Sie sie mit ‚gnädige Frau' an. Sie ist sehr wichtig, sie besitzt besondere Fähigkeiten. Ich bin heute morgen in aller Frühe schon bei ihr gewesen. Deshalb rief ich Sie an.“ Fischers Blick streifte kritisch Lukowskys alte Fliegerjacke, die ihm offenkundig mißfiel: „Bitte, Herr Lukowsky, begegnen Sie der Dame mit Respekt. Sie ist wirklich sehr wichtig! Das Pralada erreicht sie unmittelbar. Sie werden das später noch alles verstehen.“ Er öffnete die schmiedeeiserne Pforte und ging über einen schmalen, mit Natursteinplatten belegten Weg voraus zur Haustür. Auf Fischers Klingeln hin tat sich die Tür auf. Frau Astrid Xylander war um die dreißig. Eine bemerkenswert schöne Frau mit sanf-ten braunen Augen und im Nacken zusammengebundenen brandroten Haaren.

 

Fischer begrüßte die Dame mit Handkuß und ausgesuchter Höflichkeit. Sie trug ein schlichtes rostbraunes Kleid mit weiten Ärmeln und einem boden-langen Rock, dazu eine lange Korallenkette als einzigen Schmuck. Fischer sagte: „Abermals guten Tag, liebe Astrid! Dies ist Ernst Lukowsky, von dem ich Ihnen erzählte.“  Die Dame reichte Lukowsky die  Hand und sprach eine freundlich-distanzierte Begrüßung aus. Als sie sich umdrehte, um vorauszugehen, fiel Lukowsky auf, daß ihre Haare mindestens so lang waren wie die Veras oder sogar noch ein gutes Stück länger. Eine Seltenheit, die ihn augenblicklich an Dulcinea denken ließ, obwohl es sonst keine nähere Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Frauen gab. Aber er fragte sich, ob diese Dame womöglich die zweite 'langgezopfte' sein könne, von der Cornelius in Andeutungen gesprochen hatte. Irgendwie erschien ihm das aber doch äußerst unwahrscheinlich. Diese Frau hier bot nicht den Eindruck einer Abenteurerin, sie wirkte sehr häuslich.

 

An den Wänden der kleinen Diele hingen alte Radierungen, die wertvoll aussahen und es wohl auch waren. Frau Astrid bewegte sich mit ebenso natürlicher wie würdevoller Anmut. Sie führte Fischer und Lukowsky durch ein enges, mit sichtlich kostbaren Antiquitäten ausgestattetes Zimmer in einen größeren Raum, der keine Fenster zu haben schien. Drei der Wände waren mit dunkelrotem Samt bespannt, die vierte mit violettem. Den Fußboden bedeckten Orientteppiche. An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand über der violetten Bespannung hing das schmal gerahmte beinahe lebensgroße Bild einer schönen Göttin mit sehr langen, wehenden Haaren. Auf einer Hand der Göttin saß eine Taube, in der anderen hielt sie einen ovalen Spiegel. Über ihrem Kopf stand eine merkwürdige violette Sonne auf schwarzem Grund. Das ganze mutete antik an, vielleicht europäisch, vielleicht auch altorientalisch, war aber wohl in jüngerer Zeit gemalt. An Möbeln gab es nur einen runden Mahagonitisch in diesem Zimmer, eine kleine Kommode und fünf dazu passende Stühle mit hohen gedrechselten Rückenlehnen. Ausreichend Licht kam von zwei fünfarmigen Kerzenleuchtern, die auf hohen Stelen rechts und links des völlig leeren Tisches standen. Die Dame hielt ein paar Atemzüge lang vor dem Göttinnenbild inne. Dann drehte sie sich um und nahm auf dem Stuhl davor Platz. Sie deutete den beiden Gästen, sich ihr gegenüber niederzulassen. Lukowsky und Fischer setzten sich. Frau Astrid Xylander hatte eine angenehme Mezzosopranstimme. Ihre schönen braunen Augen blickten wach. Sie sagte übergangslos: „Nun gut! Dann wollen wir es versuchen!“ Sie zog ohne weitere Erklärungen eine Schublade der in ihrer Griffweite stehenden Kommode auf und holte einige Gegenstände hervor: Eine mit magischen Zeichen bemalte Keramikscheibe vom Durchmesser eines großen Tellers, einen mit Markierungen versehenen Kieselstein von der Form eines plattgedrückten Eies, den sie auf die Mitte der Scheibe legte, und ein längliches Kästchen aus hellem Holz. Die Dame klappte den Deckel des Kästchens auf und fragte Fischer: „Wollen wir zunächst die Frage von heute morgen nochmals betrachten?“ Fischer antwortete respektvoll: „Ja, bitte, das wäre gut.“

Frau Astrid wendete sich nun Lukowsky zu: „Herr Lukowsky. Sie sollen in Frankreich einen Mann treffen, einen Italiener, der diese Welt schon verlassen hat. Ihr Weg könnte dennoch sinnvoll sein.“ Sie machte ihre Haare auf und zog sie sich vor die Schultern. Abermals mußte Lukowsky unwillkürlich an Vera denken, obwohl weiter kaum Ähnlichkeit zwischen ihr und dieser Frau bestand. Diese aber schien etwas zu spüren. Sie sah Lukowsky mit ihren ruhigen braunen Augen an und sagte auf unvermittelt: „Ja, Herr Lukowsky, es hat etwas Besonderes auf sich mit jenen Frauen, die sich ihre langen Haare bewahren! Eine besondere Kraft!“ Um Astrid Xylanders Mund spielte ein winziges, kaum wahrnehmbares Lächeln. Sie sagte: "Die meinen sind darüber hinaus magisches Werkzeug." Ernst Lukowsky kam sich vor, als würden soeben alle seine Gedanken und er selbst bis in die tiefsten Winkel von Herz und Seele durchschaut. Frau Astrid blickte ihn an. Aus dem seitlichen Scheitel vorrutschende Haare, die im Kerzenschein wie schweres Gold aussahen, beschatteten ihr rechtes Auge. Lukowsky erfaßte das sichere Gefühl, daß es nichts in ihm gab, was die Frau dort nicht ganz genau sah und auch in sekundenschnelle verstand. Es war ein unheimliches Gefühl, wie er es noch nie kennengelernt hatte. Endlich erlöste Frau Astrid ihn, in dem sie den Blick dem Kästchen auf dem Tisch zuwendete. Sie nahm zwei kleine achteckige, mit magischen Symbolen versehene Plättchen heraus und plazierte diese auf der bemalten Keramikscheibe. Die Fingernägel von Astrid Xylanders gepflegten Händen waren im gleichen Fuchsrot lackiert, das ihre Haare hatten. Auch jene wirkten im Kerzenschein wie blankes Gold. Frau Astrid Xylander deutete auf das erste Plättchen, sah wieder Lukowsky an und sagte: „Das, Herr Lukowsky, sind Sie.“ Dann zeigte sie auf das zweite: „Das ist der Italiener, den Sie in Frankreich treffen sollen.“ Sie nahm den eiförmigen Stein, hielt ihn auf Brusthöhe in ihre offenen Haare und fixierte dabei die Scheibe auf dem Tisch. Lange Augenblicke vergingen. Frau Astrid setzte den Stein in die Mitte der Scheibe. Der Stein drehte sich; erst schnell, dann langsamer,  bis er zum Stillstand kam.  Astrid Xylander betrachtete den Stein und die Scheibe mit den beiden Plättchen darauf. Sie sagte: „Sie werden den Mann finden und auch eine Mitteilung durch ihn erhalten. Aber sein Ich wird zu diesem Zeitpunkt das Irdische bereits verlassen haben. Trotzdem, Ihr Weg wird nicht vergebens sein, denn dafür hat der Mann noch gesorgt.“ Frau Astrid lehnte sich zurück, als müsse sie sich von einer kleinen Anstrengung erholen. Unter dem Kerzenschein wirkten ihre unbändigen Haare tatsächlich wie rötlich schimmerndes Gold, und die blasse Haut ihres Gesichts wie golden getönter polierter Marmor. Frau Astrid legte den Kopf zurück gegen die hohe Stuhllehne. Es herrschte vollkommene Stille. Fischer wagte kaum zu atmen, und auch Lukowsky war sonderbar zumute, es war das erste Mal, daß er eine magische Handlung miterlebte. Zwei oder drei Minuten verstrichen so, doch diese schienen nicht enden zu wollen. Frau Astrid Xylander richtete den Kopf wieder auf. Wortlos nahm sie eines der beiden Plättchen von der magischen Scheibe und legte dafür zwei andere darauf. Dann sagte sie „Das sind immer noch Sie, Herr Lukowsky. Die beiden anderen sind die Herren Fischer und Busch.“ Abermals hielt sie den Stein in ihre Haare und ließ ihn sich dann auf der Scheibe drehen. Sie betrachtete das Ergebnis. Dann nahm sie eines der Plättchen von der Scheibe. Sie sagte: „Herr Busch wird sein Ziel sehen, aber nicht erreichen.“ Sie gab das Plättchen in den Kasten zurück und sagte ohne jede Betonung: „Er stirbt bald.“ Fischer fuhr kurz zusammen, blieb aber still. Dann nahm Frau Astrid das nächste Plättchen, sah erst dieses an und dann Fischer. Sie sagte: „Das sind Sie, lieber Herr Fischer. Ihr Ziel wird erreicht werden. Noch nicht sofort, aber doch. Sie werden Grund zur Freude haben. Allerdings: Das sehen Sie erst aus einer anderen Welt.“ Sie legte auch dieses Plättchen in den Kasten zurück und sagte dabei: „Auch Sie werden bald sterben - obgleich ..." Die Frau zögerte und fügte dann hinzu: "Nicht endgültig.“ In Fischers Gesicht zuckten die Muskeln, aber er lächelte. Frau Astrid Xylander berührte das noch übrige Plättchen. Ihr Blick richtete sich auf Lukowsky. Nur ihr linkes Auge konnte er sehen, das rechte lag unter dem Schatten des Schleiers ihrer golden schimmernden Haare. Sie sagte: „Sie, Herr Lukowsky, werden Herrn Buschs Ziel erreichen, es aber nicht haben wollen und nicht annehmen. Sie werden auch Herrn Fischers Ziel nahe kommen und tun, was diesem dient. Sie haben noch mehr Zeit - "sie zögerte abermals, ehe sie vollendete: "Doch auch Sie überschreiten die Schwelle .... Und es stehen ihnen schwere Kämpfe bevor, auch Bitterkeit und Leid.“ Ihr Blick blieb in Lukowskys Augen gerichtet, der Zeigefinger ihrer rechten Hand stand auf dem Plättchen,  das ihn darstellte.  Der Fingernagel, der das achtkantige Plättchen berührte, blinkte wie leicht gewölbtes Gold. Frau Astrid fragte: „Haben Sie den Wunsch, noch etwas zu wissen, Herr Lukowsky?“ Er meinte zu ahnen, woran Astrid Xylander hellseherisch dachte: Vera! Er überlegte, nur eine halbe Sekunde, und  doch von unzähligen Gedanken durchtost. Endlich sagte  er: „Nein, danke. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.“ Wieder umspielte das scheinbar wissende Lächeln die Lippen der rothaarigen Frau. Sie nickte ganz leicht, sagte nur: „Das stimmt!“ und nahm das Plättchen, das ihn bedeutete, von der magischen Scheibe. Sie hielt es noch für einen Moment in den Fingern, dann legte sie es in das Kästchen zurück. Sie gab Kästchen, Scheibe und Stein wieder in die Kommode und band ihre Haare zusammen. Unterdessen erhob sie sich mit der Bemerkung: „Das wäre dann jetzt wohl alles. Ich wünsche Ihnen beiden das Beste!“ Dabei sah sie Lukowsky mit einem Blick an, der ihm auszudrücken schien, daß mit ‚Ihnen beiden' er und Vera Jörgens gemeint waren.

Fischer berührte Lukowskys Unterarm, um anzudeuten, daß die Konsultation der Zauberin noch nicht beendet sei. Er richtete das Wort an diese: „Liebe Astrid, nach dem, was Sie uns, namentlich mir, soeben enthüllten, hielte ich es für richtig und notwendig, daß Sie Herrn Lukowsky das Licht geben. Er wird viel leisten müssen, und ich denke, er ist geeignet.“ Fischer betonte ‚das Licht' in geheimnisvoller Weise. Astrid Xylander sah erst Fischer und danach Lukowsky und dann wieder Fischer nachdenklich an. Sie sagte: „Sie haben wohl recht, lieber Herr Fischer, Herr Lukowsky wird viel Kraft nötig haben.“ Sie überlegte, es schien ihr ein plötzlicher Einfall zu kommen: „Ja, es ist nötig! Vielleicht wird es das sein, was ihn in dem Kampf dieser Welt überleben läßt!“ Sie überlegte abermals, sagte dann: „Ich muß mich erst aufladen. Kommen Sie heute abend um neun Uhr, Herr Lukowsky.“ Lukowsky entgegnete: „Ich fliege noch heute nach Frankreich.“ Fischer faßte ihn beim Arm, seine Stimme klang fest: „Es reicht, wenn Sie morgen Vormittag fliegen, Herr Lukowsky. Das ‚Licht' ist wichtiger! Seien Sie heute abend pünktlich bei Frau Astrid! Ich bin Ihr Auftraggeber, ich ordne es an!“ Lukowsky wunderte sich über die Entschiedenheit, mit der Fischer auf einmal auftrat. Diese Angelegenheit schien ihm außerordentlich wichtig zu sein. „Also gut,“ erklärte Lukowsky sich einverstanden: „Ich komme gegen neun – wozu auch immer.“ Frau Astrid lächelte: „Falls Sie sonst Langeweile haben, kommen Sie schon am Nachmittag. Dann können Sie mir bei der Aufladung helfen. Außerdem gäbe es einiges, was ich Ihnen wohl nun näherbringen sollte.“ - Fischer sah Lukowsky eindringlich an: „Nehmen Sie dieses Anerbieten an,  Herr Lukowsky!  Es wäre wertvoll für Sie!“ Die rothaarige Frau sah ihn still lächelnd an. Lukowsky sagte: "Ich werde am Nachmittag hier sein."

 

Als sie wieder beim Wagen angelangt waren, sagte Fischer ernst: „Ich habe Angst vor dem Sterben, aber es freut mich, daß es nicht sinnlos sein wird.“ Dabei sah er Lukowsky  über das Dach des flachen  Wagens hinweg an. Lukowsky entgegnete: „Sie glauben das alles?“ Fischer fragte zurück: „Sie nicht? Seien Sie ehrlich!“ Lukowsky überlegte: „Ich weiß nicht. Aber ich gebe zu, diese Dame hat mich beeindruckt.“ Er stieg in den Wagen. Auf der anderen Seite stieg Fischer ein. Lukowsky ließ den Motor an. Fischer bat: „Geben Sie mir eine Zigarette? Ich rauche selten, doch jetzt hätte ich gerne eine Zigarette.“ Lukowsky hielt ihm seine Schachtel ‚Player's Nr.6‘ hin und gab ihm Feuer. Fischer bedankte sich und hüstelte nach dem ersten Zug. Dann nahm sein Gesicht einen freudigen Ausdruck an: „Sie werden sehen, alles kommt genau so, wie Frau Astrid es vorhergesagt hat!“ - Der merkwürdige kleine Mann begann Lukowsky zu imponieren. Er bat ihn: „Erklären Sie mir doch wenigstens ein bißchen, worum es Ihnen eigentlich geht. Das sind doch keine Goldbarren oder Säcke voll Rohdiamanten. Sie deuteten ja auch schon an, Sie seien Idealist. Ich glaube Ihnen das inzwischen, bloß: Was ist Ihr Ziel?“ Fischer paffte die ihm offenkundig zu starke Zigarette und antwortete kryptisch: „Der Sieg des Lichts! Sie werden das später alles noch verstehen. Das glaube ich zumindest. Bitte drin- gen Sie diesbezüglich jetzt nicht weiter in mich! Ich würde Ihnen nichts vorenthalten, was im Moment für Sie wichtig ist. Lassen Sie die Dinge reifen.“ - „In Ordnung,“ akzeptierte Lukowsky: „Aber was hat es mit der Geschichte heute Abend auf sich?“ Fischer verbesserte: „Heute Nachmittag! Es wird gut sein, wenn Sie das ehrende Angebot der Dame annehmen!“ Lukowsky nahm sich auch eine Zigarette. Er sah Fischer an: „Sie haben mich da überfahren, Herr Fischer. Aber ich wollte Ihnen nicht in den Rücken fallen.“ Fischer sagte: „Das ist nett. Ich glaube nun einmal an so manches, woran andere nicht glauben. Das liegt daran, daß ich mehr weiß als andere. Sie werden es zu schätzen wissen. Ich selbst bin leider nicht so geeignet wie Sie.“ Er fingerte ein kleines Kärtchen aus seiner Westentasche und reichte es Lukowsky: „Hier. Sie können Frau Astrid jederzeit anrufen, falls Sie sie brauchen. Sie sind jetzt ja eingeführt. Ich glaube sogar, sie mag Sie. Allerdings...“ Er lächelte schwach: „Sie dürfen das nicht falsch deuten. Astrid sieht in Ihnen nicht den irdischen Mann. Das werden Sie alles bald verstehen. Diese Dame kann Ihnen sehr nützen. Sie hat bemerkenswerte Fähigkeiten, ganz besondere Fähigkeiten! Und sie ist ein wichtiges Glied der Kette!“

 

Lukowsky fragte: „Welcher Kette?“ Fischer zeigte eine abwehrende Geste: „Nur eine Redensart. Ich wollte damit ausdrücken; Astrid Xylander steht mit der geistigen Welt in enger Verbindung.“ Lukowsky hatte das Gefühl, daß Fischer durchaus etwas anderes gemeint habe, doch er ließ es dabei, fragte nur: „Macht die Dame das beruflich? Hellseherei?“ – Fischer zeigte wieder ein Überlegenheit andeutendes Lächeln: „Nein, Herr Lukowsky  Sie ist studierte Altsprachlerin und lebt von Übersetzungen. Außerdem, wie mir scheint, verfügt sie wohl über ein kleines Vermögen. Für die so wichtigen Dinge wie die unseren, nimmt Frau Xylander ganz gewiß kein Geld!“ Er hob betonend einen Zeigefinger: „Heute noch erhalten Sie eine große Kraft, Herr Lukowsky! Und es wird sehr schön sein, Sie werden sehen!“ Lukowsky steckte das Kärtchen ein: „Wollen Sie mir das nicht näher erklären?“

Fischer sah ihn mit einem wehmütigen Blick an: „Das ist nicht nötig, nein. Alles Bedeutende erklärt sich zu seiner Zeit ganz von selbst! Versäumen Sie nur nicht, rechtzeitig bei der Dame zu sein. Mehr sage ich Ihnen jetzt nicht.“ -

„Aber ich habe Ihnen noch etwas zu sagen,“ fiel Lukowsky ein: „Der Herr Kriminalkommissar Cornelius kam mich besuchen, unterbreitete ein Angebot, wir sollten gemeinsame Sache machen und so weiter. Nicht ganz klar, was er wirklich wollte. Vielleicht ist er einfach nur korrupt, vielleicht auch ein ehrlicher Spinner.“ Fischer merkte auf: „Ich danke Ihnen für diese Mitteilung! Sie könnte wichtig sein. Wir werden Erkundigungen über diesen Mann einholen. Wer weiß, womöglich kann er nützlich werden. Aber es wäre dennoch ein Risiko. Ich werde darüber nachdenken. Vorerst wahren Sie bitte Abstand! Es ist mit Fallen zu rechnen - besonders von solcher Seite! Immerhin, diese Sache ist doch bemerkenswert.“

Lukowsky versicherte, sich gegenüber Cornelius nicht dumm zu verhalten und setzte Fischer dessen Wunsch gemäß beim nächsten Taxistand ab. Fischer beugte sich nochmals zu Lukowsky in den Wagen und bat: „Rufen Sie mich an, bitte, wenn irgend etwas ist, was Ihnen mitteilenswert erscheint. Sie besitzen mein Vertrauen!“ Lukowsky versprach es und fuhr wieder zum Flughafen. Fischers so deutliche Vertrauenserklärung hatte ihn überrascht. Er nahm sich vor, diesen sonderbaren Mann, den er anfangs für einen eitlen Fatzke gehalten hatte, nicht zu enttäuschen.

 

Die Sonne schien warm vom Himmel herab, als Lukowsky den Schuppen am Flugplatz wieder betrat. Er versuchte,  Vera telefonisch zu erreichen, hatte damit aber kein Glück. Sie war aus dem ‚Kaiserhof' in Essen ausgezogen, wie sie es angekündigt hatte. Sie hatte ihm eine Adresse geben wollen. Doch dazu war es nicht gekommen. Immerhin, Dulcinea würde ihn zu rufen wissen, wenn sie Don Quijote brauchte. Und doch ließ ihn der Gedanke an sie nicht los. Aus diesem Grunde war es ihm lieb,  erst am nächsten morgen zu fliegen. Vielleicht meldete Vera sich ja oder es käme eine Nachricht von ihr. Lukowsky beschloß, ins Büro zu fahren. Falls sie anriefe, so sicherlich zuerst dort, obwohl sie auch die Telefonnummer des Schuppens am Flugplatz kannte.

 

Auf dem Weg ins Büro hatte er an einer Würstchenbude Halt gemacht. Damit war gleich die Frage des Mittagessens frühzeitig erledigt worden.

 

Lukowsky saß im Büro und hoffte, das Telefon würde klingeln, Vera Jörgens würde dran sein und sagen, daß es ihr gut gehe. Aber das Telefon klingelte vor-erst nicht. Still und stur stand es da, ein Ding aus schwarzem Hartplastik, das so viel Gutes tun könnte, wenn es klingeln und Dulcineas Stimme hörbar machen wollte. Angeregt durch Fischers Vortrag über die Jagdfliegerei des Zweiten Weltkriegs, kramte Lukowsky Sims' Buch ‚Jagdflieger' aus einer Kiste und blätterte darin. Aber er wartete doch nur weiterhin darauf, daß das Telefon kleingeln und Vera anrufen sollte. Im Grunde glaubte er nicht mehr, daß dieses Ereignis eintreffen würde – doch es traf ein! Vera sagte, sie rufe aus Österreich an, gönne sich ein paar Tage der Ruhe. Dann gab sie ihm die versprochene Anschrift. Ein Haus am Rheinufer, auf dem Türschild stehe Wagner. Sie nannte auch eine Telefonnummer dazu. Ferner teilte sie ihm Valtines momentane Anschrift mit, fügte aber hinzu, dieser sei vermutlich nicht dort, Lukowsky müsse sogar damit rechnen, ihm in Toulon zu begegnen. - Es war ein Telefongespräch in sachlichem Tonfall, anders, als Ernst Lukowsky es sich erträumt hatte. Doch er war froh, Veras Stimme zu hören. Sie sagte, sie würde sich wieder melden und er solle vorsichtig sein. Und: Sie danke ihm für seine Freundschaft, auf die sie auch zähle - doch verlieben möge er sich bitte in eine andere Frau...

Immerhin: Vera hatte sich gemeldet, es ging ihr gut – und das machte diesen Tag zu einem guten Tag.

 

Als der Nachmittag gekommen war, fuhr Lukowsky mit gemischten Gefühlen in Richtung Benrather Schloßallee. Es gab einen Parkplatz unmittelbar vor Astrid Xylanders Haus. Lukowsky blieb ein paar Sekunden hinter dem Lenkrad sitzen. Er hatte gute Lust,  umzukehren.  Astrid Xylander war eine schöne Frau. Fischer hatte sich seine Ratgeberin gut ausgesucht. Aber Fischer war auch in keine Vera verliebt, er konnte nicht verstehen, daß Ernst Lukowsky es schon als Betrug an der Geliebten empfand, eine andere Frau auch nur näher anzusehen. Er verspürte auch gar kein Verlangen danach. Viel lieber hätte er still von Vera geträumt. Doch es war nun einmal so vereinbart, er konnte nicht wortbrüchig werden. So gab er sich einen Ruck und stieg aus dem Wagen.

 

Frau Astrid empfing Lukowsky freundlich, höflich: „Kommen Sie herein, Herr Lukowsky! Es ist gut, daß Sie so früh da sind, dann können wir uns noch ein wenig unterhalten.“ Sie trug jetzt ein anderes Kleid, diesmal ein dunkelrotes. Auch dieses war bodenlang. Die Korallenkette hatte sie nicht um, Ihre Haare waren jetzt vor der Schulter zusammengebunden. Das erinnerte Lukowsky augenblicklich wieder an Vera. Nur waren Astrid Xylanders lange Haare nicht dunkel und glatt, wie Veras, sondern hellrot und wellig und die Enden hatten keine gerade Kante, sondern sahen aus wie züngelnde Flammen.

Frau Astrid führte ihn durch die Diele und den kleinen mit Antiquitäten gespickten Raum in ein gemütliches Wohnzimmer. Es war ein Eckzimmer mit großen Fenstern und reichlich Blumen. In einem Korbsessel schnurrte eine schwarzweiße Katze. Die Katze hob den Kopf, musterte den Gast und entschloß sich, weiterzuschlafen. In diesem Zimmer gab es nichts, was an Magie oder Mystik erinnert hätte. Ein ovaler Tisch, ein bequemes Sofa mit gestickten Kissen, dazu passende Sessel, ein Servierwagen mit Tellern und Tassen, Besteck und Servietten, Zuckerdose und Kuchen. Eine Biedermeier-Vitrine mit Kristall darin und Porzellanfiguren. An den Wänden hingen Gemälde, die wertvoll aussahen. Ein Stilleben und eine Winterlandschaft, dazu eine ganze Sammlung Miniaturen und ein Kupferstich mit Mozarts Portrait. Alles in allem die gute Stube einer gebildeten Bürgerfamilie. Frau Astrid forderte auf: „Nehmen Sie doch Platz, Herr Lukowsky! Der Kaffee wird gerade fertig sein. Oder hätten Sie lieber Tee?“ - „Kaffee ist sehr gut!“ erwiderte Lukowsky schnell, froh, nicht aus Höflichkeit Tee trinken zu müssen. Frau Astrid freute sich: „So habe ich richtig geraten!“ Lukowsky überlegte und entschloß sich dann zu der Frage: "Gnädige Frau, können Sie so etwas wie Gedankenlesen? Ich dachte immer, das gibt es nicht." Astrid Xylander zeigte ein wägendes Lächeln: "In dem Sinne - Gedankenlesen - gibt es in der Tat nicht. Aber jeder Mensch ist zugleich Aussender von Schwingungen und empfangender Resonanzboden. Ich habe gelernt, die Schwingungen,  die  ich  empfange,  in  klare  Signale  umzusetzen.  Das gelingt nicht immer vollkommen, aber oft." Sie verstärkte Ihr Lächeln: "So habe ich - empfangen - daß Sie mich mit einer anderen Frau verglichen." Lukowsky verbesserte: "Verglichen ist vielleicht nicht das passende Wort. Sie haben mich von ferne an eine andere Frau erinnert. Das stimmt." Astrid Xylander verstärkte ihr Lächeln: "So mag es auch gewesen sein!" Sie verteilte das auf dem Servierwagen wartende Geschirr und entschwand dann, um zwei Minuten später mit einer Kaffeekanne zurückzukehren. Sie schenkte ein und forderte auf, Kuchen zu nehmen, Gugelhupf nach Wiener Rezept, selbst gebacken. Lukowsky wunderte sich, daß diese Frau um die dreißig offenbar unverheiratet war. Sie fing seinen Gedanken auf und erklärte: „Ich kam durch Heirat aus Wien hierher. Schon vor über zehn Jahren. Vor sechs Jahren starb mein Mann bei einem Verkehrsunfall.“ Sie hob graziös die Hand, um Lukowsky an einer der nun üblichen Floskeln zu hindern, und sagte schnell: „Es geht ihm ja gut!“ Sie sagte das mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als wisse sie es ganz genau. Dabei erhob sie sich und setzte einen unter der Vitrine verborgenen Plattenspieler in Gang. Leise ertönte Albinonis Adagio. Frau Astrid holte einen Kristallaschenbecher aus der Vitrine und stellte ihn vor Lukowsky auf den Tisch: „Sie dürfen gerne rauchen, Herr Lukowsky. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß Sie das möchten.“ Er sagte: „Danke. Sie haben recht.“ - „Gut!“ Astrid Xylander nahm wieder ihren Platz auf dem Sofa ein und hantierte mit der Kaffeekanne. Sie bat: „Sagen Sie mir doch: Was wissen Sie über Mystik und altehrwürdige Mythen!“ Lukowsky hatte sich gerade eine Zigarette angesteckt. Er antwortete: „Nicht mehr, als zur Allgemeinbildung gehört. Ich kenne die griechische und römische Mythologie – so ungefähr – und das Wesentlichste der Edda. Dann noch ein bißchen Gilgamesch-Epos und Upanischaden, aber nicht näher, und das meiste davon habe ich schon vergessen..“ Frau Astrid Xylander nickte zufrieden: „Einige Kenntnisse haben Sie immerhin. Magie hat Sie aber nie interessiert, nein sicher nicht, das haben Sie stets für Kokolores gehalten.“ Sie sah ihn an: „Ist es nicht so? Seien Sie ehrlich!“ - „Ich bin ehrlich,“ erwiderte Lukowsky: „Es ist so. Okkultismus, Spiritismus, Astrologie und so weiter hielt ich immer für Hokuspokus. Ich bin auch nie religiös gewesen. Ich glaube ganz einfach nicht daran.“ - „Nicht woran?“ wollte Astrid Xylander nun wissen. „Nicht an das, was die Kirche lehrt,“ antwortete Lukowsky: „Ich halte das schlicht und einfach für Unsinn.“ Frau Astrid nickte wohlgefällig: „Das spricht für Sie, Herr Lukowsky! Es gibt in der Tat kaum etwas Unsinnigeres als die Lehren der Kirchen,  das ganze Gebäude  besteht nur aus  Widersprüchen – was natürlich auf die Gegensätzlichkeit von Altem und Neuen Testament zurückzuführen ist. In Wahrheit hat das eine mit dem anderen ja gar nichts zutun, in Wahrheit trat Christus gegen den Herbärergott auf, den er den Teufel nannte. Spuren dessen finden sich noch heute, trotz aller Verfälschung, im sogenannten Neuen Testament; beispielsweise bei Johannes 8.44, aber...“ Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf: „Das soll uns jetzt nicht berühren! Es ist ein interessantes und durchaus wichtiges Thema. Doch dafür ist es noch zu früh. Es wird der Tag kommen, an dem eine Originalschrift des wahren Evangeliums Christi gefunden werden wird. Das wird dann das Ende des Pentateuch sein, das Ende der Kirchen, und die Menschen werden erkennen, daß sie in dem El Schaddai-Jahwe des sogenannten Alten Testaments der Bibel den Teufel selbst angebetet haben! Doch, wie gesagt, dazu ist noch nicht die Zeit. Würde ein solches Originaldokument jetzt gefunden werden, käme es nie an die Öffentlichkeit. Die noch herrschenden jüdischen und kirchlichen Interessenskreise nebst sämtlicher Freimaurer und allem Drumherum ließen es sofort vernichten. Nein, die Zeit dafür ist noch nicht reif. In einem Vierteljahrhundert, frühestens, könnte das anders sein. Dann wird das Neue Zeitalter schon heraufdämmern und auch dieser Wahrheit Platz schaffen.“ Lukowsky fragte: "Meinen Sie, die Kirche hat noch so viel Macht?" Die Frau neigte lächelnd ein wenig den Kopf, ehe sie antwortete: "Die Kirche nicht - doch die anderen von mir erwähnten Gruppen." Ihre Hände zeigten eine kleine Geste, die andeuten sollte, es gelte nun, über andere Dinge zu reden. Sie sagte: „Lassen Sie uns jetzt über das sprechen, was für den heutigen Vorgang wichtig ist! Was wissen Sie über den Begriff Astralkörper?“ Lukowsky antwortete: „Wenig. So etwas wie ein inneres, unsichtbares Gerüst des Körpers?“ Astrid Xylander zögerte: „Ich sehe, dazu sollte ich Ihnen doch einiges erzählen. Ja, das sollte ich wohl tun. Nehmen Sie sich also Kaffee und Gugelhupf, rauchen Sie dazu ein paar Zigaretten – und hören Sie mir zu!“ Astrid Xylander klopfte ein Kissen zurecht, setzte sich gemütlich hin und begann: „Der Begriff Astralkörper ist an sich nicht ganz richtig. Man müßte vom ‚inneren himmlischen Leib‘ sprechen. Doch da das Wort Astralkörper nun einmal von vielen ungefähr als der richtige Begriff verstanden wird, wollen wir es dabei belassen. Astralkörper bezeichnet also den inneren Leib, ein feinstoffliches Grundmuster, das alle lebenden Wesen in sich tragen, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Insofern war die von Ihnen geäußerte Vorstellung zumindest nicht grundsätzlich falsch, sogar einigermaßen zutreffend. Der Astralkörper ist jenseitigen Ursprungs wie wir selbst.  Darüber werden wir vielleicht ein andermal ausführlich sprechen. Unsere diesseitigen Grobstoffkörper sind also nach dem ewigen Muster des innenliegenden Astralkörpers aufgebaut. Der innere, astrale, Leib ist ewig jung, bloß der diesseitige Grobstoffleib altert. Aufgrund des unsterblichen Astralkörpers, bauen wir uns nach dem irdischen Sterben unseres diesseitigen Leibes dann drüben, in einer jenseitigen Welt, einen neuen Leib auf. Die Astralkörper beinhalten auch die grundlegende Verschiedenheit von Mann und Frau. Es ist ja alles so beschaffen, daß die beiden Geschlechter einander ergänzen – und sich auch gegenseitig anziehen. Erst im Zusammenkommen dieser Verschiedenheit während des Liebesakts zwischen Mann und Frau entsteht für Augenblicke die göttliche Einheit der allschaffenden Kräfte von Männlich und Weiblich, welche wir die Iluhe nennen. Ilu heißt soviel wie göttliches Licht. Schon die Sumerer, Babylonier und Assyrer kannten solche Vorstellungen: Es gibt ein männliches Ilu und ein weibliches Ilu. Gemeinsam werden diese beiden zur zeitweilig wirkenden Allschöpferkraft, den Iluhe. Dies ist im Kern das, was freidenkerische Europäer als die ‚Allmacht‘ bezeichnen. Die Verschiedenheit von Männlich und Weiblich ist also der Schlüssel zur Ganzheit. Das oberste göttliche Prinzip ist das der Kräfte von Männlich und Weiblich in jeweils vollkommen reiner Art. Beide sind gleichwertig – doch niemals sind sie gleich! Dies drückt sich eben auch in ihren Astralkörpern aus.“ Frau Astrid legte ein neues Stück Kuchen auf Lukowskys Teller, ohne ihre Ausführungen zu unterbrechen: „Die Astralkörper von Frau und Mann unterscheiden sich sehr von einander - sehr viel mehr, als dies anhand der grobstofflichen Umsetzungen unserer Erdenleiber erkennbar wird. Das kommt, weil die Astralkörper von Mann und Frau aus unterschiedlichen Feinstoffarten bestehen. Während unsere grobstofflichen Erdenleiber sich im wesentlichen aus Fleisch und Blut gleicher Art zusammensetzen, sowie Wasser und so weiter, sind die Astralkörper von Mann und Frau hingegen aus ganz verschiedenartigen Stoffen, aus unterschiedlichen Feinstoffen. Da nun unsere Astralkörper auch atmen, benötigen sie passendes Astrallicht – astrale Atemsubstanzen. Diese sind zwischen Mann und Frau wiederum sehr verschieden, und daher sind auch die astralen Atmungsorgane ganz unterschiedlich. Am offensichtlichsten ist dieser Unterschied bei den Haaren. Darum erwähnte ich bereits deren Bedeutsamkeit. Bei Frauen und Mädchen erstreckt sich der Astralkörper vollständig bis in die Haare. Die Astralhaare einer Frau sind immer sehr lang. Darum fallen Frauen die Haare auch nicht aus. Anders ist es bei Männern, deren Astralhaare nur etwa ein bis zwei Handbreiten messen. Frauenhaare sind  etwas ganz anderes  als Männerhaare.  Frauenhaare sind astral lebendig! Daher sind lange Haare für Frauen und Mädchen so wichtig, nicht bloß, weil sie schön aussehen.“ Astrid Xylander spielte mit den Enden ihrer Haare, und sprach dabei weiter: „Sie müssen nicht ganz so lang sein wie meine, aber wenigstens bis zur Taille sollten sie reichen, noch besser, bis an die Hüften. Das aber - "sie lächele nachsichtig - "ist vornehmlich Frauensache! - Nun, Durch den Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau und die vorübergehende Vergrobstofflichung im Irdischen, kommt es mehr oder weniger zu minimalen Vermengungen. Es wandern teilweise weibliche Strahlungen in den Mann und teilweise männliche Strahlungen in die Frau. Dadurch entsprechen die irdischen Verkörperungen zwar ungefähr, aber nicht ganz dem Abbild des wahren Leibes, also dem des Astralkörpers. Der weibliche Astralkörper ist empfindlicher als der männliche. Dies ist auch der Grund dafür, daß die Mutterschaft dem Weiblichen übertragen wurde. Doch auch die lichte Magie war seit jeher eine Angelegenheit der Frauen. Wichtig ist für beide Geschlechter ist, eine jeweils möglichst reine Ilu-Schwingung in sich zu schaffen – je nach Geschlecht. Denn der Lichtgrad, welcher dem Astralkörper durch die Anziehungskräfte des Geistes zugeführt wird, entscheidet über das Ausmaß der Lebenskraft in dieser Welt - und über den zukünftigen Weg in einer lichten Jenseitswelt nach dem irdischen Sterben! Der astrale Atem ist also sehr bedeutungsvoll! Die astralen Atmungsorgane von Mann und Frau, ihre Schwingungsorgane, unterscheiden sich auch sehr stark voneinander. Gemeinsam ist nur die Aufgabe, die jeweiligen astralen Atmungslichtstoffe unentwegt aus der allgemeinen Feinstoffsphäre anzuziehen und der astralen Atmung zuzuführen. Der prinzipielle Unterschied zum irdischen Atmen besteht darin, daß die Grobstoffe einheitlich sind und daher auch Männer wie Frauen die gleiche Luft atmen können. Da die Astralkörperstoffe bei Mann und Frau aber unterschiedlich sind, benötigen sie auch verschiedenartigen Astralatem. Daraus wiederum ergibt sich, daß Frau und Mann auch ganz unter-schiedliche astrale Atmungsorgane besitzen. Die astralen Substanzen, welche der weibliche Astralkörper zur Erhaltung seines Lichts und seiner Lebenskräfte braucht, sind von äußerst feiner Art. Man muß sie sich wie winzige Funken vorstellen, die von der astralen Ebene her kommen und das Diesseits durchwandern, etwa so, wie Schwärme kleiner Fische einen Ozean durchziehen. Es bedarf eines möglichst großen Netzes – um bei dem Vergleich zu bleiben – um solche Feinstoffunken aufzufangen. Dazu eignet sich allein das lange Frauenhaar. Sein astrales Gegenstück besitzt eine hauchfeine magnetische Ader, die im Inneren des Astralhaares verläuft – wie im diesseitigem  Gegenstück der Haarmarkkanal.

 

Dadurch ermöglicht es das diesseitige Haar dem Astralhaar, seine Fähigkeiten auch hier zu entfalten und die notwendige astrale Atmung zu bewerkstelligen. Das geschieht ununterbrochen, es ist das Atmen des weiblichen Astralkörpers. Frauen brauchen daher unbedingt ausreichend lange Haare, um die Vitalität ihres Astralkörpers und des Geist zu erhalten. Heutzutage fehlt dies bei den meisten, und das ist die Ursache von psychischen und sexuellen Störungen, von vielen Krankheiten und ganz grundsätzlichen Schwächen der natürlichen Lebenskraft. Männer sind robuster gebaut, sie haben es in der diesseitigen Grobstoffwelt leichter als Frauen. Die astralen Substanzen, welche der männliche Astralkörper braucht, sind feinstoffliche Zusammenballungen wie kleine Wolken, die von der astralen Ebene her das Diesseits durchschweben. Nach Form und Größe entsprechen sie ungefähr dem Zwerchfell.  Dieses bewirkt auch den Astralatem des Mannes. Die Astralkörper von Mann und Frau sind also von unterschiedlicher Natur – und auch das astrale Atemlicht, das sie erfüllt, ist sehr verschieden von einander. Erst im Zusammenwirken beider entsteht Schöpferkraft.“ Frau Astrid Xylander hielt inne, sie sah Lukowsky in die Augen und fragte: „Sie konnten mir soweit folgen?“ -

„Ich denke schon,“ erwiderte Lukowsky: „Es erscheint mir auch logisch und gut begreifbar.“

Diese Antwort freute Frau Astrid offenkundig, sie sagte: „Um astrales Licht - um astrales Licht ganz besonderer Art! – wird es uns heute abend zutun sein. Es ist ein Licht, daß Sie selbst sich nicht herbeischaffen können. Eine Frau muß es zuerst anziehen und dann an Sie übergeben.“ Astrid Xylander erhob sich, ging zum Plattenspieler und legte eine andere Schallplatte auf; es erklang nun Bachs A - Moll Violinkonzert. Sie ging zu dem Korbsessel dicht am Fenster, streichelte die Katze und kehrte dann auf das Sofa zurück. „Und nun,“ sagte sie, „will ich Ihnen von diesem besonderen Licht erzählen!“ Sie war gut gelaunt, schenkte Kaffee nach und begann erneut: „Herr Fischer erwähnte Pralada, ein Wort aus Arya Varta, dem alten Indien. Es gibt im Sanskrit auch die Schreibweise Pralaya – sinnbildlich der Prinz des göttlichen Lichts. Dieses Licht hat die Farbe Indigo. Die Babylonier und Assyrer wiederum glaubten, daß es außer der sichtbaren diesseitigen Sonne auch noch eine unsichtbare jenseitige Sonne gäbe. Sie nannten diese ‚Ilum' oder auch die unsichtbare schwarze Sonne. Großkönig Sargon I. von Babylon hatte eine wunderbare Bibliothek angelegt, die so umfangreich war, daß man sie die ‚Stadt der Bücher' nannte. Das meiste davon ging verloren. Doch es heißt, in der Stadt der Bücher hätte es die ältesten Schätze des Wissens auf diesem Planeten gegeben, nicht nur babylonische und sumerische Keilschriften jedweder Art sowie aus Ägypten, Persien und Indien gekommene Texte, sondern sogar Überlieferungen aus unvorstellbar ferner Zeit, das königliche Wissen versunkener Reiche, von der Insel der Seligen, Thale Hubpur – Thule, welches womöglich unser deutsches Helgoland war, – aus Atlantis auch und vielleicht von anderen Sternen aus fernen Sonnensystemen – wer weiß?“ Sie lächelte, trank Kaffee und fuhr zu berichten fort: „Von Sargons Stadt der Bücher ist also wenig erhalten. Manches davon könnte in die berühmte Bibliothek von Alexandria gelangt sein. Doch diese wurde, wie Sie wissen werden, völlig zerstört. Es gab einflußreiche Leute, die das verlangten, weil in jener wunderbaren Bibliothek auch zahlreiche Dokumente lagen, die den Hebräergott El Schaddai - Jahwe als den Herren der Hölle entlavten. Heutzutage würden wir sagen, als den Teufel. Der ansonsten so große Julius Cäsar ließ sich bestechen. Er brauchte zur Verwirklichung seiner Vorhaben dringend Geld, das er nicht hatte. Banal gesagt, er mußte sich welches pumpen. Eine Bedingung für die ihm nötigen Kredite ist die Vernichtung der großen Bibliothek von Alexandria gewesen. Ohne dies wäre es später gar nicht möglich gewesen, den biblischen Jahwe als Gott hinzustellen - was auch so, wenn man das sogenannte Alte Testament liest, nur mit Hängen und Würgen glaubhaft erscheint. Zur wenigstens teilsweisen Ehrenrettung Cäsars sei jedoch angemerkt, daß die vollständige Verbrennung aller wertvollen Schriften erst später erfolgte. Und religiöse Texte des Orients konnten für Cäsar nicht sonderlich bedeutsam erscheinen. Er hatte ja keine Ahnung, daß daran auch das Imperium Romanum einmal zerbrechen würde. Später, in der Zeit unmittelbar nach Christi, setzte eine regelrechte Hetzjagd auf alle Abschriften des wahren Evangeliums ein, weil darin abermals Jahwe als der Satan bezeichnet wurde. Niemand sollte bald mehr wissen, was Christus wirklich gelehrt hatte – und dahin ist es ja auch gekommen! Um einiges früher, als ein Prophet auftrat, den die Bhagavadgita als Krischna überliefert, verhielt es sich ähnlich, wenngleich nicht ganz so arg; und auch die ohnehin unklare Lehre Buddhas wurde noch erheblich verdreht. Zu allen Zeiten im Kali Yuga, dem Zeitalter der Finsternis, gab es Mächtige, die Angst hatten, ihre Macht zu verlieren sowie andere Menschen finsteren Geistes, die anstrebten, die Macht einzunehmen. Diesen allen war und ist nichts so sehr im Wege wie die Erkenntnis des Lichts, nichts hatten und haben sie mehr zu fürchten, als daß Menschen den eigenen Weg zum göttlichen Licht finden könnten – aus Eigenem,  ohne  vermittelnde  Institutionen  oder Priester  zu brauchen.  Denn solche Menschen näherten sich dem Geistigen an, sie kauften nicht mehr lauter unnötiges Zeug und betäubten sich nicht im rohen Lärm von Diskotheken, Gemeinschaftssinn wäre ihnen wichtiger als Egoismus – sie wären die natürlichen Gegner des herrschenden kommerzialistischen Systems. Ja, wenn das neue Licht erstrahlt, fegt es die materialistischen Mächte hinweg! Noch nie herrschte die Finsternis so triumphal wie im gegenwärtigen 20. Jahrhundert. Noch nie war aber auch die Angst der Durchschauenden unter den Finsterlingen so groß; denn das Neue Zeitalter naht! Alles was jetzt herrscht, wird bald stürzen! Nach geschichtlichem Zeitmaß betrachtet, sehr bald. Und das reine Licht kennt keine Gnade gegenüber der Finsternis. Wenn die Sonne aufgeht, muß die Nacht weichen. Alles Böse und Unreine wird durch das Licht des reinen Geistes vertilgt werden in einem großen und gleißenden Feuerschein! Igne Natura Renovatur Integra. Das ist die wahre Bedeutung des I.N.R.I. über dem Haupte des gekreuzigten Jesus Christus. – Die alten Tempelritter und der Ordo Bucintoro wußten dies übrigens auch. - Es gibt sogar im Neuen Testament noch ein Wort Christi, daß auf dieses Kommende hinweist, Matthäus 24.30. Lesen Sie einmal selbst!"

Frau Astrid blickte ernst und froh zugleich vor sich hin, als sehe sie schon dieses reinigende Feuer über einem nicht mehr fernen Horizont der Zeit.

Sie sprach weiter: „Jenes alle Finsternis besiegende Licht, gleichsam der geistige Strahl Christi, ist, wenn wir ihm einen Namen geben wollen, Pralada – oder das Licht der unsichtbaren Sonne. Diese dürfen Sie sich nicht wie eine Sonne nach herkömmlichem Verständnis vorstellen. Sie ist vielmehr wie eine Schleuse zwischen Diesseits und Jenseits, noch besser ausgedrückt: Das Ventil, durch welches das göttliche Licht vom Jenseits her in den diesseitigen Kosmos und zur Erde dringt. In den Zeitaltern der Finsternis ist dieses Ventil weitgehend verschlossen, so wie jetzt. Der Geist der Menschen muß erst lichter werden, damit nach dem Prinzip der Affinität von Schwingungen das Ventil sich öffnet und aus der Schwarzen Sonne das Pralada wieder kraftvoll strahlt.“ Frau Astrid blickte Lukowsky in die Augen und sagte: „Das wird kommen! Und heute Abend leisten wir einen kleinen Beitrag dazu!“

Es drang eine merkwürdige stille Begeisterung aus den sanften braunen Augen dieser schönen Frau. Ihre beiden Hände streckten sich nach Ernst Lukowsky aus, die Fingerspitzen berührten seine Schläfen. Lukowsky war sonderbar zumute. Er wußte nicht, was es war, nur: etwas, das von außen kam und angenehm war. Müdigkeit überfiel ihn, eine ungewohnte, plötzliche, wohltuende Müdigkeit, die sich über ihn decken wollte;  und der Sessel in Astrid Xylanders gemütlichem Wohnzimmer war weich und bequem. Sehr behaglich fühlte sich Ernst Lukowsky auf einmal in diesem Zimmer. Wie von ferne hörte er den sanften Mezzosopran: „Es ist gut...“

 

Als Lukowsky erwachte, herrschte Dunkelheit. Fünfzehn Kerzen brannten auf drei fünfarmigen hochstieligen Leuchtern. Das Bild, das sich darbot, war un-wirklich, wie die Ausgeburt eines phantastischen Traums. Es schien gleichzeitig sehr nahe und sehr fern zu sein: Vor einer dunklen Wand, die riesengroß mit dem bizarren violetten Sonnensymbol versehen war, stand eine Frau, eine sehr schöne Frau, völlig nackt. Sie stand auf einem Bein, nur der linke Fußballen berührte den Boden. Das andere Bein war im spitzen Winkel angezogen, der rechte Fuß lag auf dem Oberschenkel über dem Knie des durchgesteckten linken Beines. Der Oberkörper der Frau war nach hinten gebogen. Ihre Brüste sahen zum Himmel. Der Kopf lag weit nach hinten geneigt. Die flammenförmigen Spitzen der sehr langen Haare berührten den Boden. Der linke Arm der Frau war waagerecht ausgestreckt, die offene Hand nach oben, als biete sie wartenden Vögeln etwas dar. Der rechte Arm war nicht zu sehen, nur die rechte Hand, deren gespreizte Finger in die fülligen Haare geschoben waren. Erst all-mählich begriff Lukowsky, daß dies kein Traumbild war. Astrid Xylander stand dort so – vollkommen reglos, unbegreiflich, wie sie ihr Gleichgewicht halten konnte. Der warme Kerzenschein warf sein goldenes Licht auf die helle Haut des makellos schönen Frauenkörpers vor der schwarzen Wand mit dem großen violetten Sonnensymbol, die langen welligen Frauenhaare wirkten wie im Fließen erstarrtes Gold. So stand Astrid Xylander da – wie aus leuchtendem Gold gegossen – reglos, ohne die geringste Bewegung. Ernst Lukowsky sah sie an. Er versuchte zu denken, doch es ging nicht; er sah nur dieses Bild. Da war es ihm, als flattere ein goldenes Licht auf die ausgestreckte Hand der Frau zu – wie ein Vogel, der sich auf dieser Hand niederließ, vielleicht eine Taube aus goldenem Licht. Lukowsky wagte nicht, sich zu bewegen, als würde die Frau dort sonst das Gleichgewicht verlieren und in einen namenlosen Abgrund stürzen. Das flackernde Licht, das beinahe wie ein Vogel aussah, stieg von der Hand der Frau auf und, so schien es, flog auf Lukowsky zu – er schlief abermals ein. -

 

Als Lukowsky erwachte, brannte eine Stehlampe und tauchte das gemütliche Wohnzimmer in ein behagliches Licht. Es gab keine hochstieligen Kerzenleuchter und keine schwarze Wand mit einem violetten Sonnensymbol darauf. Dafür stand eine Silberschale mit belegten Broten bereit, in einer Kristallkaraffe wartete dunkelroter Wein, und soeben kam Frau Astrid Xylander mit einer Kanne frischen Kaffees. Sie trug ein langes, mantelförmiges Kleid aus einem schimmernden blauen Stoff und darunter offenkundig nichts. Ein gleichfarbiger stoff-umspannter Reifen hielt ihre unbändigen offenen Haare zurück. Frau Astrid lächelte, sie servierte den Kaffee, nahm auf dem Sofa Platz und sagte: „Es war gut, daß Sie sich ein wenig ausgeruht haben. Ich merkte es Ihnen an, Sie hatten diese kleine Rast von Geist und Körper nötig!“

Lukowsky sah in ihr so viel Ruhe ausstrahlendes Gesicht mit den sanften braunen Augen, und er fühlte sich tatsächlich gut, so, als hätte er hundert Jahre lang geschlafen und sich von allen Anstrengungen seines Lebens mit einemmal erholt. So frisch und stark fühlte er sich, wie womöglich nie zuvor. Es war ein gutes Gefühl. Doch daneben bestand ein anderes Gefühl, eines, das er nicht fassen konnte: Es war, als ob seine Gedanken anders geordnet seien als es noch vor – vielen Jahren? – nein, höchstens drei Stunden! - gewesen war. Er betrachtete die Frau. Sie lächelte. Ein überlegenes Lächeln, freundlich, voller Wärme, eher das Lächeln einer Mutter gegenüber dem Kind als das der Frau für den Mann. Was wollte sie? Wollte sie überhaupt etwas?

Astrid Xylander beantwortete die Frage seiner Gedanken: „Schauen Sie, Herr Lukowsky, Sie haben jetzt einen ersten Schritt zur höheren Kraft getan, sozusagen im Schlafe. Daß Sie einschliefen, habe nicht ich verursacht. Ich habe Sie weder hypnotisiert noch gar Ihnen heimlich ein Schlafmittel eingeflößt. Ich hatte lediglich den Wunsch, daß Sie schlafen sollten, weil es gut für Sie war. Und Sie überkam der Wunsch nach Schlaf, weil es hier eine Atmosphäre der Gemütlichkeit gibt, Geborgenheit, die Ihr Leben wahrscheinlich schon sehr lange entbehrt. Jeder Mensch sehnt sich aber nach Geborgenheit. Auch der stolzeste Kriegsherr der Antike war davon nicht frei. Das ist ein Stück natürlicher Sehnsucht in uns Menschenwesen, eine Urerinnerung an unsere ferne paradiesische Heimat. Ich fühlte, daß Ihnen dies schon lange, vermutlich sehr lange, fehlte. Deshalb wünschte ich, daß Sie schlafen sollten – und weil Sie es selber wollten, schliefen Sie! Es hat Ihnen doch gut getan, oder?“ Sie lächelte wieder ihr sonderbar herzliches Lächeln. Lukowsky fragte seinerseits: „Habe ich geträumt, oder ist diese Wand dort vorhin schwarz bespannt gewesen, eine lila Sonne war zu sehen...“ - „Und ich splitternackt davor!“ vervollständigte Frau Astrid mit der größten Selbstverständlichkeit: „Das war tatsächlich so. Ich dachte nicht, daß Sie aufwachen würden, habe es auch nicht bemerkt. Doch Sie haben mir durch Ihre Anwesenheit geholfen,  mich aufzuladen – schließlich geschah es ja für Sie!

 

Sehen Sie die hölzerne Schiene dort oben? Da kann ich den Samtvorhang mit der magischen Sonne darauf über die Wand ziehen; es ist ganz einfach.“ Astrid Xylander reichte die Silberschale mit den belegten Broten hin: „Greifen Sie zu, Herr Lukowsky!“ Er tat es und fragte: „Dann habe ich jetzt also dieses Licht empfangen?“ Frau Astrid ließ ein leises freundliches Lachen hören: „O, Herr Lukowsky! Das haben wir doch erst vorzubereiten begonnen! Nein, nein, ein bißchen müssen Sie sich bis dahin noch gedulden!“ Sie nahm sich Kaffee und ein Käsebrot, alles hatte geradezu eine häusliche Anmutung. Lukowsky fühlte sich wohl. Irgendwo, sehr, sehr fern, wußte er, daß es anderes gab, was ihm wichtig war, doch es gelang ihm nicht, bis zu diesen Gedanken ganz vorzudringen. Frau Astrid sagte: „Wenn Sie das Licht erhalten haben, werden Sie bemerken, daß sie nur noch sehr wenig Schlaf brauchen und trotzdem immer frisch sind. Warum müssen wir Menschen schlafen? Weil unser Astralkörper den Grobstoffleib nicht ununterbrochen tragen kann! Ihr Astralkörper wird eine übernatürliche Stärkung erfahren, die recht lange anhält. Dergleichen wird nicht vielen zuteil! Sie aber haben eine Aufgabe zu erfüllen, die – vielleicht – für einen schnellen Sieg dies Neuen Zeitalters wichtig sein kann. Denn es wird einen Kampf geben, einen letzten großen Kampf, in dem die Restmacht der Finsternis auch physisch geschlagen werden muß. Diese ist im Besitz der Masse der physischen Waffen. Die Träger der neuen Zeit werden sie besiegen müssen – und sie werden siegen! Weil Sie, Ernst Lukowsky, dazu einen Beitrag leisten können, darum bekommen Sie das Licht. Es ist eine Verpflichtung!“ Sie hatte ihr Brot aufgegessen und ihren Kaffee ausgetrunken. Jetzt stand sie auf und erklärte, sie werde gleich wiederkommen.

Lukowsky zündete sich eine Zigarette an. Eine Viertelstunde verging, dann kam Astrid Xylander zurück. Etwas an ihr war verändert, aber Lukowsky kam nicht sofort darauf, was es war. Es war nichts, das sich gegenständlich hätte feststellen lassen, außer, daß sie den Haarreifen nicht mehr trug. Dann bemerkte er, daß es etwas in ihrer Art war, was sich verändert hatte, sie wirkte ernster. Sie setzte sich wieder zu ihm und sprach: „Es ist so weit. Wir werden jetzt gleich hinübergehen. Ich brauche Ihnen nicht viel zu erklären und werde es auch nicht tun. Die Lichtkraft wird Sie erfassen – und alles weitere ergibt sich von selbst. Machen Sie jetzt Ihre Zigarette aus und kommen Sie!“ Astrid Xylander streckte ihre Hand aus und nahm die seine. Hand in Hand gingen sie durch ein winziges Ankleidezimmer in einen größeren Raum. In diesem gab es keine Möbel. In den vier  Ecken  standen  hochstielige  fünfarmige  Kerzenleuchter.  Zwanzig Kerzen spendeten viel warmes Licht. Die Wände waren dunkelrot, die Decke violett und mit der Schwarzen Sonne bemalt. Auf dem Boden war schwarzer Stoff ausgebreitet, darauf die bizarre violette Sonne, ein genaues Gegenstück zu jener an der Decke.

Unter diesem Stoff wölbten sich spürbar viele weiche Kissen. Im Türrahmen blieb Frau Astrid stehen. Sie sagte: „Ziehen Sie sich aus und kommen Sie dann.“ Sie selbst streifte das mantelartige blaue Kleid ab und warf es auf den Boden des Vorzimmers. Nackt betrat sie den von zwanzig Kerzen erleuchteten Raum. Ernst Lukowsky tat, was die Frau gesagt hatte, tat es mechanisch, sein Denken folgte längst nicht mehr den gewohnten Gesetzen. Dann standen sie sich in der Mitte des weichen Lagers gegenüber. Die Frau sagte: „Sie werden mich jetzt umarmen. Mit ihren Händen fassen Sie zunächst in meine Haare, mit der einen unter den Schultern und mit der anderen über der Taille - dann fließen die Lichtströme – und es geschieht.“

In dem dunkelroten, schwarzen und violetten Raum zwischen zwei Bildern der magischen Sonne gab es keine Zeit, auch kein Erinnern an irgend etwas, was außerhalb dieses Raumes lag. Auf dem weichen unbegrenzten Lager umschlangen und vereinigten sie sich zum einen und zum anderen Mal, wieder und wieder, noch heftiger, wilder, verzehrender. Immer neue Kräfte kamen, alle irdische Natur übersteigend.

Als die Kerzen zu mehr als der Hälfte niedergebrannt waren, sprach die Stimme der Frau, leise und doch sehr deutlich: „Wir haben die Schwelle erreicht. Gleich werden wir die Pforte durchschreiten, die zwischen Diesseits und Jenseits liegt – die Pforte des Sterbens - und kehren doch gemeinsam zurück!“ Ihr Mund näherte sich seinem Mund, und sie vereinigten sich zum anderen Mal. Auf einen Augenblick war es, als wären es nicht mehr die diesseitigen Körper, die einander umfingen, sondern – Licht im Lichte. -

 

Als alle zwanzig Kerzen heruntergebrannt waren und Dunkelheit herrschte – nach Stunden, vielen endlos verzauberten Stunden – löste sich die Frau aus den Armen des Mannes. Ihre Stimme war nur ein mildes Flüstern: „Es ist gelungen!“

 

Sie saßen in dem gemütlichen Wohnzimmer beisammen. Vor den Fenstern stand eine freundliche Morgensonne. Lukowsky war wieder vollständig bekleidet und ebenso Frau Astrid Xylander. Sie hatte abermals das Werk der Hausfrau besorgt und ein gutes Frühstück aufgetischt. Jetzt schenkte sie Wein ein und sprach:

„Ernst Lukowsky, Du bist nun ein Krieger Praladas! Erweise Dich würdig! Vielleicht begegnen wir uns wieder. Falls nicht, werde ich dennoch wissen, was Du tust!“ Sie küßte ihn auf die Wangen, nicht auf den Mund.