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 Inhaltsverzeichnis dieser Struktur

Die Braut des Baphomet. 2

„Die Braut des Baphomet“. 2

(Textskizze nach dem Tagebuch der Agnes S.-N.) 2

Autorisierte Originalfassung, Dez. 1997. 2

Prolog. 2

Wien im Jahre 1243. 2

Gegenwart 8

Berlin. 8

Gegenwart 11

Wien. 11

Das Beleben der „Figura“ des großen Baphomet. 38

Die Figur. 39

Die Braut. 39

Die Belebung. 39

Das mythisch/magische System. 40

 


 

 

Die Braut des Baphomet.

 

Diese Geschichte steht zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Wirklichkeit ist das Tagebuch der Agnes, auf dem die Geschichte hauptsächlich beruht, wie auch in der Beschreibung des Äußeren jener schönen jungen Frau, an dem sich Tag nichts  geändert hat. Die erwähnten Schauplätze sind zutreffend. Allerdings befand sich das Atelier der Malerin (die eine Freundin, nicht die Schwester der Agnes war), in einer anderen Gasse der  Wiener Innenstadt. Hinsichtlich dieses Schauplatzes nimmt sich  die Geschichte eine Freiheit, weil eben dieser Ort, die Wiener Blutgasse, den Tempelritterorden betreffend wiederum historisch ist. Im übrigen steht fest, daß gerade dort schon vor Zerschlagung des Ordens sehr eigenständige Wege gegangen worden sind. Reale Hintergründe haben auch die Mythen, von denen die Rede ist, sowie viele Einzelheiten. Dies betrifft etwa die durchaus nicht auf der Luft gegriffene Legende um den „großen Baphomet“, die „Welt der ewigen Morgenröte“, das Reich der Göttin Venus, an welches der Kaiser Augustus glaubte, eine wichtige Rolle spielt. Zutreffend ist auch die Verbindung all dessen mit dem Untersberg. Bei Salzburg. Richtig sind auch die Schilderungen der lichten Magie, der Bedeutung der langen Haare der Frauen sowie die angedeutete quasi sexual-magische Komponente. So weit es die Perspektive der Agnes anbelangt, sind alle magischen Aspekte richtig und auf sicheren Boden bauend geschildert. Was hingegen die schwarzmagischen Angriffe anbelangt, wurden durch Zuhilfenahme fremder Quellen Eventualitäten rekonstruiert. Erfunden sind auch die widerstreitenden Organisationen, was nicht unbedingt bedeuten muß, es könne solche nicht vielleicht geben. Alles in allem steckt jedoch in dieser Geschichte – insbesondere im Hinblick auf die geistig-magischen Details – womöglich mehr Wahrheit als Dichtung!

 

 

 

 

„Die Braut des Baphomet“

(Textskizze nach dem Tagebuch der Agnes S.-N.)

Autorisierte Originalfassung, Dez. 1997

Prolog

Wien im Jahre 1243

 

Mitternacht in einer engen Gasse des mittelalterlichen Wien, die nach den Ereignissen der kommenden Stunden vom Volksmund einen Namen erhalten wird, der heute auf dem Straßenschild steht: Die „Blutgasse”.

 

An den hohen Wänden des Kellergewölbes unter dem Wiener Ordenshaus der Tempelritter loderten Fackeln. Von der Decke herab hingen an Ketten große schmiedeeiserne Schalen, von denen aus brennendes Öl helles Licht verbreitete. Die gewölbte Decke des großen grottenartigen Raums hatte der Ruß der Ölfeuer geschwärzt. In dieser Nacht sollte hier eine Zeremonie stattfinden, eine Zeremonie von ganz besonderer Art: Die „Figura” des ”Großen Baphomet” würde für den Aufgang eines noch fernen neuen Zeitalters magisch aufgeladen werden, das sich mit Beginn des XXI. Jahrhunderts ausbreiten und die Erde beherrschen würde. Alle Vorbereitungen für die Zeremonie sind getroffen worden. Um Mitternacht, wenn der Stern Venus eine ganz bestimmte Position am Himmel eingenommen haben würde, mußte das hohe Ritual vollzogen werden. Zwei Ritter enthüllen die hohe Figur, die bis dahin von einem violetten Tuch verdeckt gewesen war. Jetzt erstrahlte der große Baphomet. Es war eine merkwürdig anzuschauende Figur aus purem Gold. Sie zeigte ein Doppelhaupt mit einem weiblichen und einem männlichen Gesicht. Von der weiblichen Kopfhälfte ging ein langer, starker Zopf aus, der das Doppelhaupt wie eine Säule trug. Unten ging das Zopfende über einem gewölbten, mit Edelsteinen verzierten achtkantigen Sockel auseinander. Der große Baphomet war ein Sinnbild für die ewige Gottheit, welche aus den Kräften Männlich und Weiblich besteht. Die als Frauenzopf ausgebildete Säule wies auf die Bedeutung jener weiblichen Kräfte hin, welche, in Gestalt der Liebesgöttin, zur Vereinigung der beiden göttlichen Bestandteile leiten und somit zum schöpferischen Akt. Diese „Figura” stand auf einem runden, siebenstufigen Sockel aus poliertem Basaltgestein. An der nach Norden weisenden Wand gab es einen geschmückten Altar. Auch dieser war aus glänzendem Basalt. Über dem Altar ragte die goldene Statue einer Göttin auf. Ihr Unterleib glich einer Lilie, aus der sie herauszuwachsen schien. Die langen Haare der Göttin breiteten sich aus wie im Winde wehend, so daß sie an Flügel erinnerten. Es waren die geistigen Schwingen der Göttin Ischtar, der Venus, durch welche sie gleichsam ihre Kräfte ausstrahlte. Vor diesem Altar standen drei junge Frauen in langen lachsroten Gewändern, die mit silbernen Lilien verziert waren. Die Frau in der Mitte trug ihre bis unter die Hüften reichenden braunen Haare offen, die beiden anderen hatten die ihren zu ebenso langen Zöpfen geflochten. Eine der beiden war blond, die andere schwarzhaarig. Diese drei schönen Frauen standen völlig still. Zweiundvierzig Männer formierten sich in der Grotte um die Baphomet-Figur herum und blickten schweigend auf die drei Frauen bei dem Altar. Die Männer trugen weiße Mäntel mit schwarzumrandeten roten Dornenkreuzen darauf. Sie warteten still, bis die brünette Frau mit den offenen Haaren, die Priesterin der Göttin, zu sprechen begann. Ihre Stimme war hell und sanft, doch der Hall in der Grotte gab ihr einen kräftigen Klang, als sie sprach: „Jetzt naht die erste Stunde der Göttin. Doch noch fern ist ihre zweite, die zur Vollendung führt. Zunächst wird es gelten, die Zeit der Finsternis durchzustehen – durch manche Generationen – bis das Licht erwacht und die Göttin ihre Kräfte auf Erden entfaltet. Dies wird erst sein, wenn sich der Wasserkrug öffnet(das Wasserkrugzeitalter/ Wassermannzeitalter kommt) auf dem Grat vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Jahrhundert. Bevor das neue Licht kommt, wird die Finsternis fürchterlich wüten. Doch gewiß ist schließlich der Sieg unserer heiligen Göttin.” Die zweiundvierzig Männer riefen im Chor: „Es wird sein!” Und nun sprachen auch die blonde und die schwarzhaarige Frau: ”Es wird sein.” Die Priesterin sagte dieselben Worte noch einmal und griff dabei mit einer Hand in ihre schimmernden nußbraunen Haare. Mit der anderen Hand gab sie zugleich den Männern im Kreise ein Zeichen. Diese alle neigten für einen Augenblick die Köpfe. Es war, als müßten sie etwas verinnerlichen, was ihnen nicht leicht fiel. Dann wendeten die Ritter ihre Umhänge. Diese waren nun schwarz mit weißumrandeten roten Dornenkreuzen. Und die Männer sprachen im Chor: „In den finsteren Zeiten wird vorherrschen das Schwarz der Trauer.” Die drei Frauen sprachen: „Wenn aber die Morgenröte der Göttin aufsteigt am Himmel der Zeit, dann wird ihre rosige Farbe überall herrschen, die blutigen Kreuze werden weichen der leuchtenden Lilie der heiligen Göttin der Liebe. „Und die Männer wiederholten: ”Wenn aber die Morgenröte der Göttin aufsteigt am Himmel der Zeit, dann wird ihre rosige Farbe überall herrschen, die blutigen Kreuze werden weichen der leuchtenden Lilie der heiligen Göttin der Liebe.” Der Nachhall der Worte verklingt. Abermals herrscht Schweigen in dem Gewölbe. Nun streckte die Priesterin ihre Arme aus und sagte: „Der erste der Ritter komme zu mir, der auserkorene für den Einherierweg. „Ein stattlicher Mann von wohl vierzig Jahren trat vor und ging bis an den Altar heran. Die Priesterin sprach: „Nun wird der Geist des Großen Kaisers in den Baphomet hineingerufen werden für manche Jahrhunderte, damit er einst neu erstehen möge, um diese Welt zu regieren im Geiste und im Namen der Göttin.” Damit reichte sie dem vorgetretenen Ritter ihre Hände, und dieser ergriff sie. Die beiden anderen Frauen bereiteten ein purpurnes Lager zwischen dem Altar der Göttin und der Baphomet-Figur. Unterdessen sprach die Priesterin – und ihre Worte schienen sowohl an den vor ihr stehenden Ritter wie auch an alle Anwesenden gerichtet zu sein: „Die ewigen Kräfte des Ilu, des Männlichen und des Weiblichen, allen Göttlichens Gipfel und höchste Macht, sollen jetzt zeugend werden zum anderen mal.” Damit ließ sie die Hände des Ritters los. Die beiden Assistentinnen traten heran. Der Ritter übergab der einen seinen Mantel, Gurt und Schwert, die andere entkleideten ihn sodann vollständig. Die erste Asisstentin legte das Schwert des Ritters vor den Altar. Mit einer Flasche Rosenöl kam sie wieder und salbte damit den nun unbekleideten Körper des Ritters. Die andere Assistentin löste inzwischen mehrere mit silbernen Lilien verzierte Spangen an dem Gewand der Priesterin. Die Hülle aus lachsrotem Samt fiel von ihr, und unbekleidet stand die Priesterin dar. Die Assistentinnen zogen sich zurück, und nur zwei Menschen standen sich vor dem Altar gegenüber: Der erste Ritter und die Priesterin – ein Mann und eine Frau. Der Widerschein offenen Lichts schimmerte auf ihrer Haut, zeichnete die Formen der zwei Körper wie mit einem rötlich-goldenem Pinsel. Die langen braunen Haare der Priesterin aber glänzten nun wie blankes Kupfer. Die Priesterin sprach: „Im Angesicht der Göttin wird gleich der Geist des Kaisers, des großen Augustus, erstehen im astralen Liebesakt. So wird er seinen Weg nehmen.” Eine der beiden anderen Frauen, die blonde, nahm nun vom Altar einen breiten, scharfen Dolch und schnitt sich damit die unterrsten Spitzen ihrer Zopfenden ab, nur wenige Zentimeter. An den Schnittstellen erschien sogleich der Hauch eines rötlichen Lichts. Sie übergab den Dolch der schwarzhaarigen Frau, und auch diese schnitt sich die äußersten Enden ihrer Zopfspitzen damit ab. Auch bei ihr begannen die Schnittstellen leicht rötlich zu leuchten. Sodann legte sie den Dolch auf den Altar zurück und gab ihre Zopfspitzenenden der anderen Blonden. Diese ging zur Figur des Baphomet und zog in deren Sockel eine kleine Schublade auf. Sie nahm einen funkelnden Kristall heraus und streute die Haarspitzenschnipsel hinein. Den Kristall indes brachte sie der Priesterin. Diese hielt ihn dem entkleideten Ritter hin und sagte: „In diesen männlichen Stein, den Garil(Gral), wird nun des Kaisers Geist Einzug halten. Ilua, das weibliche Gegenstück, liege sicher verborgen im heiligen Berg Wodins(Odin/Wotan) und harrt der neuen Zeit. Für deren Geburt werden dann die beiden Kristalle im Großen Baphomet vereinigt werden durch eine würdige Frau.” Die Priesterin hielt sich nun den Kristall zwischen ihre Brüste, und der Ritter küßt ihn dort. Die Assistentinnen hoben der Priesterin deren lange Haare vom Rücken vor die Schultern. Die Priesterin hielt den Kristall jetzt unten in die Enden ihrer Haare und sagte: „Die Ströme des göttlichen Lichtes Ilu fließen!”. Ihre Haare begannen auf ganzer Länge in einem hellen rötlich-violetten Schimmer zu leuchten. Dieses Leuchten erfaßte bald ihre ganze Gestalt. Der Ritter kniete vor ihr nieder und küßte die Spitzen der langen Haare der Priesterin. Auch auf ihn ging dadurch das rötlich-violette Leuchten über. Der Ritter erhob sich wieder. Die Priesterin reichte jetzt ihm den Kristall. Er hielt ihn für einen Augenblick empor. Das rötlich-violette Leuchten erfaßte den ganzen Raum. Jetzt lösten die beiden Assistentinnen ihre Haare auf, und auch aus diesen erstrahlte nun das rötlich-violette Leuchten, es durchflutete das gesamte Gewölbe und überstrahlte gleichsam das Licht der Fackeln und aus den Ölschalen. Eine der Assistentinnen nahm dem Ritter den Kristall aus der Hand, hüllte ihn in die Enden ihrer Haare und brachte ihn zur Figur des Großen Baphomet. Dort wartete die andere Assistentin. Diese übernahm den Kristall und legte ihn im Sockel der Figur auf die Zopfspitzenenden. Jetzt entkleiden sich auch die beiden Assistentinnen und stellten sich auf die dritte Stufe des Sockels. Sie zogen ihre Haare nach vorn und flochten sie sich zu einem einzigen dicken Zopf, durch den sie nun miteinander verbunden waren. Das Schwarz und das Blond ihrer Haare in einem einzigen Zopf gab diesem ein besonderes Aussehen: Es versinnbildlichte, daß zwei verscheidende Kräfte, die sich im großen Baphomet vereinigten. So blieben die beiden Frauen still stehen. Auf einmal begann sich die Baphomet-Figur mit einem leisen mahlenden Geräusch zu drehen – und die männliche Gesichtshälfte blickte jetzt zum Altar und auf das dort zusammenstehende Paar, den ersten Ritter und die Priesterin. Die Runde der Ritter begann ein leises melodisches Summen, und die beiden Frauen auf dem Sockel des Baphomet griffen an ihren starken gemeinsamen Zopf und riefen dazu die göttlichen Mächte an. Die Priesterin und der erste Ritter umarmten einander, sie vollzogen den Liebesakt vor dem Altar der Liebesgöttin. Dabei wurde das Leuchten um sie herum immer stärker und rötlicher – bis sich die beiden Gestalten in ein purpurnes Licht auflösten. Die Strahlen dieses Purpurlichts ballten sich und wurde von dem doppelten Zopf der beiden Frauen bei der Baphomet-Figur angezogen. Es hüllte auch diese beiden völlig in Purpurschein, sammelte sich in dem starken Zopf und ging von dort aus in die Figur des großen Baphomet ein. Die Priesterin und der erste Ritter indes waren für diese Welt verschwunden. Ihre letzte Spur war ein rötlicher Schimmer in den zusammengeflochtenen Haaren der beiden Frauen auf dem Sockel des Baphomet.

 

Draußen rückten unterdessen die Truppen der Inquisition an und stürmten dieses letzte noch bestehende Ordenshaus der Tempelritter. Die oben im Gebäude gebliebenen Templer, die nicht an der Zeremonie des Großen Baphomet teilgenommen hatten, setzten sich zur Wehr. Binnen Augenblicken war die Gasse vom Klirren der Schwerter erfüllt. Ein Templer eilte in das Kellergewölbe, um die anderen zu warnen. Aber der Waffenlärm war ohnehin schon selbst dort drunten zu hören. Soeben war die Zeremonie vollendet. Die meisten der Ritter eilten nach oben zum Kampf. Trotz der feindlichen Übermacht gelang es ihnen, die ersten Angreifer wieder aus dem Haus hinaus zu drängen und weitere zunächst am Eindringen in das Gebäude zu hindern. Um so heftiger entwickelte sich der Kampf auf der Gasse. Unten in der Andachtsgrotte wurden indessen die wichtigsten Heiligtümer in Sicherheit gebracht: Die Statue der Göttin und der große Baphomet. Mühsam hoben drei Ritter den großen Baphomet von dessen steinernem Sockel, andere nahmen die Statue der Göttin. Die beiden durch den gemeinsamen Zopf aneinander gefesselten Frauen betätigten einen verborgenen Mechanismus. Sie konnten sich noch nicht voneinander lösen, die Kraft der Ilu-Schwingungen machte sie bis zu einem gewissen Grade zum Bestandteil einer anderen Sphäre. Sie wären in diesem Zustand auch unverwundbar gewesen. Das konnte jedoch nur einige Minuten anhalten. Dann würde das rötliche Licht aus ihren Haaren weichen, der gemeinsame Zopf würde sich dann auflösen lassen, und die beiden Frauen wieder ganz dieser Welt angehören. Zwar blieben ihre Haare noch unverletzlich, doch gegen einen Lanzenstich wären sie nicht mehr gefeit. Sie mußte sich daher schnell in Sicherheit bringen. Dies um so mehr, wie sie noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatten: Mit ihnen würden die tapfersten der überlebenden Templer Kinder zeugen, deren Blutslinie über viele Jahrhunderte fortbestehen sollte. Eine Wand öffnete sich in einen breiten und hohen Gang. Ein Ritter ergreift eine Fackel. Die Frauen, die den geheimen Gang kannten, gingen im Dunklen voran. Hinter ihnen und den Männern, die die beiden Figuren trugen, schloß sich die Wand wieder; keine Spur blieb mehr von diesem Geheimnis zu sehen.

 

Auf der Gasse wurden die anzahlmäßig weit unterlegenen Templer nach und nach nieder-gehauen. Auf Befehl des Inquisitors werden sogar noch den Gefallenen die Kehlen durch-geschnitten, wie nach alttestamentarischem Opferritus, so daß das Blut der Templer über das Pflaster der Gasse strömte, wonach sie ihren Namen erhalten sollte: Blutgasse. Als die Soldaten der Inquisition den unterirdischen Kultraum erreichten, war dort nichts mehr außer brennenden Fackeln und leeren Podesten.

 

Auf Anordnung des Inquisitors hin, der das Schlachten unbeteiligt beobachtet hatte, wurde der letzte Templer am Leben gelassen und zum Verhör in die Folterkammer gebracht.

 

Nur sieben Männer und die zwei Frauen waren aus dem Ordenshause entkommen. Jetzt standen sie in einem anderen, größeren Gewölbe. Auch hier gab es einen runden siebenstufigen Sockel aus Basaltgestein, welche jenem in dem anderen Keller glich, und ebenso einen gleichen Altar. Die Männer hatten die Statue und die Figur des großen Baphomet plaziert. Sie verhüllten diese Figur und dann auch die Statue der Göttin. Die beiden Frauen konnten ihre Haare nun wieder auseinander lösen und sich bereitliegende Kleider anziehen. Ein Blick in das Gewölbe zeigte, daß dieser Raum häufig benutzt wurde und wohl den eigentlichen Aufbewahrungsort der Heiligtümer darstellte. Die neun Überlebenden begaben sich in einen an das große Gewölbe anschließenden kleineren Raum. Dort gab es einen Tisch und Stühle. Einer der Ritter entzündete bereitstehende Kerzen. Die neun setzten sich an den Tisch, ohne zu sprechen. Mehrere Minuten verstrichen in Schweigen. Schließlich sagte einer der Ritter mit kräftiger Stimme: „Es wird sein!” Alle anderen wiederholten diese drei Worte. In der Folterkammer der Inquisition lag der gefangene Templer auf den Streckbrett. Daneben standen zwei Folterkechte und brachten über einem von Blasebälgen angefachten Feuer ihre Foltereisen zum glühen. Der Inquisitor befahl den Beginn der Tortur. Nach einer Weile fragte er den geschundenen Templer: „Sage, wohin habt ihr eure Götzenbilder verbracht?” Ein Mönch in Dominikanerkutte stand mit Feder und Pergament bereit, um eventuelle Aussagen zu protokollieren. Der Inquisitor fragte nun: „Sage, wessen Geist steckt in eurem greulichen Baphomet? Ist es der von Nebukadnezar, dem König von Babylon? Oder vielleicht der von Julius Cäsar? Oder der des Kaiser Augusts? Oder des ketzerische Friedrich II.? Oder wer sonst?” Der Templer gibt keine Antwort. Dies treibt den Inquisitor in gesteigerten Zorn. Die Adern auf seiner Stirn schwellen an, seine Stimme jedoch bleibt vorerst beherrscht: „Sage, was habt ihr mit den Weibern in eurem Heidentempel getrieben? Sprich! Uns ist schon vieles bekannt!” Und was sie mit den Weibern in ihrem heidnischen Tempel getrieben hätten. – Der gequälte Templer gibt keine Antwort. – Nun fragt der Inquisitor, wo der große Baphomet versteckt sei und wie er belebt werden solle. Der Tempelritter rafft seine letzten Kräfte zusammen und sagt, die Zeit werde kommen, da der Baphomet selbst alle Antworten geben und Gericht halten werde! Dann werde sich auch der neue Kaiser zeigen! Der Ritter hob noch einmal den Kopf von der Folterbank und spuckte dem Inquisitor Blut ins Gesicht. Von Grauen gepackt, wich der Inquisitor zurück und befahl, den Templer sofort zu töten. Der Dominikaner neben ihm bekreuzigt sich mit bebender Hand. Der Inquisitor bekreuzigt sich ebenfalls und sagt mit belegter Stimme, ihnen allen werde es noch schlimmer ergehen wie jenem dort auf der Folterbank, wenn der große Baphomet zum Leben erwache und das Cäsarentum, die Herrschaft des alten Heidentums, wieder errichte. Die alten Abgötter seien nicht tot, und niemand wisse wirklich, ob sie nicht stärker seien als der Gott der Bibel – und welche Macht sie womöglich in jener Welt haben, die hinter dem irdischen Sterben stehe. Verhaltene Furcht klang in diesen Worten mit. Das Gesicht des Inqusitors war so blaß wie die Kutte des Dominikaners neben ihm, allein der Widerschein brennender Feuer gab seinem Gesicht eine Farbe.

 

Jahrhunderte vergehen.

Einige der überlebenden Ritter haben mit den Frauen der Gemeinschaft Kinder gezeugt.

Ihre Blutslinie begründet die geheime Erbengemeinschaft der Tempelritter.

 

Gegenwart

Berlin

 

In einer nicht ganz unähnlichen Lage wie weiland der gefangene Tempelritter, befindet sich nun der Wissenschaftler Dr. Arnold Wendelin vom Institut für mittelalterliche Kultur und Geschichte in Berlin. Er wird von einem jungen Mann verhört wie der Gefangene eines nicht eben zimperlichen Geheimdiensts. Auf dem Tisch vor Dr. Wendelin liegen Skizzen ausgebreitet. Diese zeigen ein merkwürdiges Gebilde: Ein Doppelhaupt, einem Januskopf ähnlich, jedoch mit einem weiblichen und einem männlichen Gesicht. Von der weiblichen Kopfhälfte geht ein langer dicker Zopf aus, der unten über einem achtkantigen Sockel auseinandergeht und das Doppelhaupt wie eine Säule trägt. Es sind Zeichnungen des „großen Baphomet” der Tempelritter. Dr. Wendelin erklärt, unwissende Leute hielten immer wieder einen bocks- oder teufelsköpfigen Engel für Baphomet, ein Irrtum, den Elifas Lévy im vorigen Jahrhundert aufgebracht habe, nicht wissend, daß dies die verschlüsselte templerische Darstellung der „Eklesias” sei, nicht aber Baphomet... Im Hintergrund steht ein stämmiger Mann von Mitte fünfzig. Dieser Mann ist Edward Kolling, polizeilichen Behörden in Europa wie in Übersee ausreichend bekannt, wenngleich ihm noch nie ein Verbrechen unmittelbar nachgewiesen werden konnte. Doch daß Kolling der Kopf einer Organisation ist, die gegen Geld jedem dient und auch alles tut, steht außer Zweifel. Wenn Kolling nie etwas angelastet werden konnte, so mag das auch daran liegen, daß sogar westliche Geheimdienste mitunter zu seinen Kunden gehören sollen und er über dementsprechend gute Kontakte verfügt. Das jedenfalls wird in Polizeikreisen gemunkelt. Momentan ist Kollings Kunde eine Vereinigung aus mehreren Geheimlogen mit mehr oder minder esoterischem Anstrich und sehr viel Geld. Diese Vereinigung fürchtet, eine verborgene „Erbengemeinschaft der Tempelritter” könne den „großen Baphomet” in Funktion versetzen wie eine magische Apparatur. Wenn dies gelinge, so meinen jene Kreise, werde es zu einer umsichgreifenden Schwingung führen, die das gegenwärtige Wirtschafts- und Gesellschaftssystem umgestürzt und durch ein rein idealistisches ersetzt würde - was für die Angehörigen jener Vereinigung das Ende all ihren Einflusses bedeuten müßte. Kollings Auftraggeber haben diesem sogar eine „Magierin” an die Seite gestellt, eine Frau namens Sybille, die ihn immer wieder an die angeblich so wichtigen Ziele ihrer Vereinigung erinnert. Kolling kann diese Frau nicht ausstehen, zumal sie ihn womöglich sogar kontrollieren soll. Er glaubt nicht an Übersinnliches, er glaubt allein an das Geld, das ihm für seine Dienste gezahlt wird. Jetzt hört er zu, wie Dr. Wendelin von seinem Mitarbeiter immer wieder die selben zwei Fragen gestellt werden: Wo sich der „große Baphomet” befinden könne und wie zu verhindern sei, daß dessen magische Wirkung sich entfalte. Dr. Wendelin kann die geforderten Antworten trotz angedrohter Gewalt nur zu einem geringen Teil geben. Seinen jüngsten Forschungen zufolge, so sagt er, dürfte der große Baphomet sich in Wien befinden. Dort habe sich nach der Zerschlagung des Ordens in Frankreich und dann überall, dessen letztes Refugium befunden. In Funktion gesetzt werde die Figur durch die ergänzende Aufladung mit speziellen weiblichen Schwingungskräften. Wie das vonstatten zu gehen habe, sei ihm nicht bekannt, so beteuert Dr. Wendelin. Er wisse nur, daß in den alten Schriften stehe, allein die edelste junge Frau mit dem reinsten Geist und den schönsten Haaren könne die Kräfte des großen Baphomet erwecken. Außerdem, so heiße es, ziehe jener männliche Teil, der dem großen Baphomet bereits innewohne, den weiblichen Teil selbst an. Jetzt tritt Kolling dicht an Dr. Wendelin heran. Der jüngere Mann, der bisher das Verhör durchgeführt hatte, verfällt sogleich in respektvolles Schweigen. Kolling stellt die gleichen beiden Fragen. Als darauf Dr. Wendelin nicht sofort antwortet, packt Kolling ihn urplötzlich beim Kopf und rammt diesen auf die Tischplatte. Dr. Wendelins Brille zersplittert; er blutet aus der Nase. Kolling wiederholt die erste Frage: Wo der große Baphomet sei oder sein könne. Und Dr. Wendelin antwortet abermals: In Wien; er glaube, daß sich diese Figur sich nur etwa ein halbes Jahr in Tempelhof, hier in Berlin, befunden habe, und 1244 heimlich nach Wien zurückgeschafft worden sei – eventuell an einen verborgenen Platz unter der Erde in der Nähe des alten Templer-Ordenshauses in der Blutgasse. Kolling stellt nun die zweite Frage. Dr. Wendelin versichert, er wisse nicht mehr, als er schon gesagt habe: Es sei eine bestimmte weibliche Kraft für die Aktivierung des großen Baphomet erforderlich. Wahrscheinlich in Gestalt einer jungen Frau mit sehr langen Haaren. Auch die Zopfform der Säule, die das Doppelhaupt trage, könne als ein Hinweis darauf gelten. Kolling fragt, was genau unter dem männlichen Teil des Baphomet zu verstehen sei. Dr. Wendelin antwortet, er vermute, ein besonderer Edelstein, wahrscheinlich ein großer Amethyst, der die Wesensschwingungen eines einstigen Kaisers enthalte – vielleicht auch diejenige verstorbener Ritter... Doch das sei lediglich eine Vermutung. Dieser Amethyst wäre dann der Träger der männlichen Schwingungen, und die langen Haare der Frau quasi das Medium für die weiblichen... Es gehe ja auch darum, die Wiederkehr der weiblichen Gottheit als Herrscherin des neuen Weltzeitalters einzuleiten... Kolling läßt von dem Wissenschaftler ab und sagt seinem Mitarbeiter, es würde gut sein, wenn Dr. Wendelin die selben absonderlichen Auskünfte niemandem sonst mehr geben könne. Der junge Mann weiß, was damit gemeint ist. Kolling verläßt den engen Raum. Im Nebenzimmer erwartet ihn eine Frau, die auf der ersten Blick attraktiv erscheint. Sie ist schwarz gekleidet, und hat glänzende schwarze Haare, die bis auf den Rücken reichen, und sich an ihren Enden zu großen Locken ringeln. Doch beim zweiten Blick wirken diese Haare unecht oder gefärbt, und das hübsche Gesicht der Frau ist von steinerner Härte. Trotz einer zierlichen, wohlproportionierten Figur und vordergründiger Schönheit, fehlt dieser sonderbaren Frau die weibliche Ausstrahlung. Diese Frau nennt sich Sybille. Sie spricht zu Kolling mit einer strengen Stimme, die von mal zu mal in einen beinahe herrischen Ton umschlägt. Sie wirft ihm vor, mit seinen banalen Methoden zu viel Zeit zu vergeuden. Sie und ihr Kreis zahlten ihm viel Geld, damit er den großen Baphomet auffinde und vernichte. Kolling geht nicht darauf ein, sondern läßt die schwarzgekleidete Frau nach einer schroffen Verabschiedung stehen.

 

Eine große Limousine fährt durch das nächtliche Berlin. Die Fahrt führt zum Stadtteil Tempelhof. Der große Wagen biegt in eine Nebenstraße und dann in eine unauffällige Hofeinfahrt. Alles ist dunkel und wirkt verlassen. Der große Wagen fährt direkt durch ein offenstehendes Garagentor. Das Garagentor schließt sich hinter ihm, und in der gegenüberliegenden Wand wird eine Tür geöffnet, hinter der mattes Licht scheint. Der Fahrer des Wagens steigt aus und geht auf die offene Tür zu. Dort begrüßt ihn ein großer hagerer Mann,  der sehr alt ist, jedoch äußerst vital wirkt. Dieser Mann ist Lothar von Blanchefort, der „Älteste” der geheimen Erbengemeinschaft der Tempelritter. Offenkundig bringt ihm der Ankömmling hohen Respekt entgegen. Er begrüßt Blanchefort mit der Andeutung einer Verbeugung. Die beiden Männer gehen durch einen gewöhnlichen Keller, bis sie in einen weitläufigen Raum gelangen, dessen hintere Wände bei dem schwachen Licht bloß zu erahnen sind. Der vordere Teil des Raums ist inetwa so ausgestattet, wie das Büro des Vorstandsdirektors eines Weltunternehmens. Die einzige erkennbare Dekoration besteht in dem vage erkennbaren lebensgroße Bildnis einer Göttin mit sehr langen, flügelartig ausgebreiteten Haaren. Daneben befindet sich in einem Rahmen unter Glas eine sichtlich sehr alte Fahne mit dem Templerkreuz darauf. Auf dem Schreibtisch steht eine kleine Marmorbüste des Kaisers Augustus. Dies ist das Hauptquartier der Erbengemeinschaft der Tempelritter, deren Ahnen einst „Tempelhof” – Berlin – gegründet hatten. Blanchefort läßt sich hinter seinem breiten Schreibtisch nieder und deutet dem Gast an, in einem gegenüberstehenden Sessel Platz zu nehmen. Die Schreibtischlampe ist die einzige Lichtquelle im ganzen Raum. Blanchefort fragt den Mann gegenüber, wie weit die Dinge in Wien gediehen seien. Immerhin lasse ihnen der Gestirnenstand nur noch wenige Tage Zeit. Der Gast sagt, er wisse dies, falls es jetzt nicht gelinge, den Baphomet zu beleben, dann würde man ganze neun Jahre warten müssen. Doch er sei zuversichtlich, alles werde gelingen. Das Haus in der Blutgasse  habe er schon vor anderthalb Jahren ankaufen können. Eine genaue Überprüfung der örtlichen Gegebenheiten habe gezeigt, daß sich alles in bester Ordnung befinde. Blanchefort legt die Hände unter dem Kinn zusammen und nickt zufrieden. Nun fragt Blanchefort mit seiner ruhigen, ernsten Stimme, wie es um die Trägerin der weiblichen Kraft stehe. Der Besucher antwortet, auch in dieser Hinsicht könne er Gutes berichten. Die ins Auge gefaßte junge Frau sie so ideal, wie man sie sich geeigneter nicht ausmalen könne. Der Gast reicht ein Foto über den Tisch, das Blanchefort mit viel Wohlgefallen betrachtet. Seine Miene nimmt dennoch den Hauch eines kritischen Ausdruck an. Er fragt den Mann gegenüber, ob er dessen Formulierung zu entnehmen habe, die bestimmte junge Frau sei noch gar nicht eingeweiht? So sei es, bestätigt der Gast; dies solle im richtigen Augenblick geschehen. Blanchefort nickt abermals, doch diesmal ist es eher ein nachdenkliches als ein zufriedenes Nicken. Er ist mit dieser Lage unzufrieden. Besonders deshalb, weil jene junge Frau sich schnell in großer Gefahr befinden könne, falls die Gegenkräfte in ihr den kommenden weiblichen Teil des Baphomet erkennen sollten. Es müsse insbesondere auch ganz sicher sein, daß die junge Dame ihre Haare in der schönen Länge behalte. Dessen, so sagt der andere Mann, sei er sicher. Blanchefort ermahnt den anderen, den er Bruder Walther nennt, sich sehr um die junge Dame zu kümmern, weil von ihr alles abhängen werde. Der Gast versichert, es bestehe kein Grund zur Besorgnis. Blanchefort behält dennoch seine nachdenkliche Miene bei.

 

Gegenwart

Wien

 

Eine kleine freundliche Wohnung in einem Wiener Altbau. Die Sonne eines warmen Nachmittags schien durch die Fenster. Es war die Wohnung der neunzehnjährigen Studentin Agnes Lenz. Agnes ist noch in ihrem lachsroten Bademantel. Den hatte ihr Walther einmal geschenkt, Walther, der jetzt grade anrief. Ob er in einer halben Stunde kommen könne, um sie abzuholen. "Ja, in Ordnung," sagte Agnes, sie werde rechtzeitig vor der Tür sein. Agnes legte auf und band ihre aschblonden Haare im Nacken zu einem langen Schweif zusammen, ungewöhnlich schöne und kräftige, mehr als hüftlange Haare. Jetzt waren sie frisch gewaschen und gerade getrocknet. Das hatte wieder eine ganze Weile gedauert. Die Mutter drängte Agnes in jüngster Zeit heftig, die langen Haare abschneiden zu lassen. Nicht ganz kurz, aber bis auf eine praktische Schulterlänge. Aber das kam nicht in Frage. Agnes war groß und von biegsamer Schlankheit. Eine außergewöhnlich schöne junge Frau, wie schon Homer sie mit Freuden besungen haben würde. Die langen Haare trugen zu dieser Schönheit viel bei, das wußte Agnes sehr wohl. Vor vielen Jahrhunderten war ein normannischer Ritter unter ihren Vorfahren gewesen. Doch davon ahnte die junge Agnes nichts. Eines aber war von kleinauf ganz tief in ihrem Empfinden verankert: Das Gefühl, eigentlich nicht der gegenwärtigen Zeit anzugehören, sondern einer anderen, längst vergangenen Epoche. Ungeachtet ihres naturwissenschaftlichen Studienfachs – Chemie – , kann und will Agnes eine romantische Ader in ihrem Wesen nicht verleugnen. Sie schreibt Gedichte und führt auch ein Tagebuch, und die gerahmte Radierung von E.T.A. Hoffmann hängt bei ihr nicht wahllos an der Wand. Ihre ältere Schwester Lydia ist Malerin geworden und fühlt sich der Wiener Schule des phantastischen Realismus besonders verbunden. Irgendwie muß es in der Familie liegen: Der Vater ist Bratschist bei den Wiener Philharmonikern, und die Mutter schreibt nebenbei Fortsetzungsromane für Zeitschriften. Agnes bindet noch einmal das Band fester, das ihre langen schweren Haare nicht sonderlich stramm zusammenhalten will. Sie sind nun wirklich sehr lang. Früher hatte sich Agnes hin und wieder von Lydia die Spitzen nachschneiden lassen. Aber es tat ihr jedesmal weh, und darum war es schon seit Jahren nicht mehr geschehen. Mittlerweile waren ihre Haare so lang und so schwer, daß sie sich nicht mehr aufstecken ließen. Schweif oder Zopf blieben die einzigen möglichen Frisuren. Vielleicht, dachte Agnes, sollte sie doch einmal eine Schere heranlassen; nicht sehr viel, aber ein bißchen - oder doch lieber nicht. Agnes machte ihre Haare wieder auf und kämmte sich träumerisch vor ihrem großen elliptischen Spiegel. Sie waren auf ganzer Länge dicht und schön und glänzten wie poliertes Anthrazit. Agnes liebt das Gefühl, die schweren, glatten Haare auf der bloßen Haut zu spüren, auf der jetzt, im Sommer, ein Hauch von Sonnenbräune lag. Agnes zog den Bademantel aus und genoß dieses Gefühl auf ein paar Augenblicke.

Das Spiegelbild zeigte ihr eine außergewöhnlich schöne Frau. Agnes wußte sich diesbezüglich sehr gut einzuschätzen, ohne deshalb eitel oder gar überheblich zu sein. Sie schließt die Augen und legt den Kopf in den Nacken. Am liebsten würde sie so stehenbleiben und ihren Träumen nachgehen. Doch das geht heute nicht. Agnes bindet sich die Haare wieder zu einem Schweif zusammen und zieht sich an. Der Rock ist wadenlang, viel von ihren Beinen wird Agnes heute nicht viel zeigen. Dafür bietet die Bluse einen schönen Ausschnitt. Diese Aufmachung würden von ferne an spanische Folklore erinnern, wären die Farben nicht in hellen Pastelltönen gehalten. Agnes wirft einen Blick auf die Uhr und verläßt ihre Wohnung.

 

Unten wartet ein großer Mercedes. Am Steuer sitzt Dr. Walther Goethinger-Wergenheim. Er entstammt einer alten österreichischen Beamtenfamilie und hat es inzwischen auch schon zu einer leitenden Stellung gebracht. Trotzdem würde er sich seinen Lebensstil nicht leisten können, hätte er nicht schon vor Jahren von entfernten Verwandten aus Norddeutschland eine erhebliche Erbschaft gemacht. Walther ist gut doppelt so alt wie Agnes. Dennoch herrscht zwischen ihm und ihr ein besonders vertrautes Verhältnis, daß wohl allein aus einem Grunde bei einem rein freundschaftlichen bleibt: Walther ist mit Agnes´ älterer Schwester Lydia verlobt. Trotzdem hat es mitunter den Anschein, als würde Walther sich viel lieber Agnes zuwenden. Agnes fördert diese Tendenz jedoch in keiner Weise, obschon sie Walther gern mag. Außerdem hat sie einen lieben Freund, Gerold, der allerdings jetzt die meiste Zeit in Brüssel bei der EU zutun hat. Agnes steigt zu Walther in den Wagen. Die Fahrt geht in die Blutgasse. Dort hat Lydia ihr Atelier. Heute soll ihr Agnes für ein neues Gemälde Modell sitzen. Sie brauche sie wegen ihrer langen Haare, hatte Lydia beteuert, und Agnes sagte schließlich zu, sich also von ihrer Schwester malen zu lassen. Gern hatte sie das nicht, mochte aber Lydia nicht kränken. Walther hält vor dem Haus, von Lydias Atelier. Agnes verspricht, sich nach der Male-reisitzung mit ihm und Lydia zum Essen zu treffen. Walther fährt weiter, und Agnes geht in das Haus.

 

Fast zur selben Zeit hält beim Haus gegenüber ein Taxi. Kolling steigt aus. Er blickt sich um, als wolle er prüfen, ob ihn jemand beobachte. Er faßt nach der Türklinke – es ist offen. Kolling verschwindet in dem gegenüberliegenden Haus, dem ehemaligen Ordenshaus der Tempelritter. Lydia erwartet ihre Schwester schon in ihrem Atelier und begrüßt sie mit lebhaften Gesten. Sie zeigt ihr sofort das schon teilweise fertige Bild. Es ist großformatig und erinnert sehr an den Baphomet. Die männliche Kopfhälfte ist fertig, ebenso der Hintergrund. Der weibliche Kopfteil und der lange Zopf, der das Doppelhaupt trägt, sind erst vage skizziert. Lydia erklärt, dieses Motiv sei ihr durch eine Inspiration gekommen. Lydia beschäftigt sich mit allen möglichen esoterischen Dingen, und das spiegelt sich auch in zahlreichen Dekorationselementen in ihrer Atelierwohnung wider. Räucherstäbchen glimmen irgendwo, chinesischer Tee wird trotz dünnwandiger Porzellan-tassen allmählich schon kalt. Auch Rotwein mit zwei Gläsern steht bereit. Das männliche Gesicht ist streng und schön. Agnes meint, Lydia solle doch als die weibliche Hälfte einfach ihr eigenes Gesicht malen. Lydia widerspricht, das gehe nicht, weil es nicht ”stimmen” würde. Bei einem magischen Bild, wie sie ihr neues Werk nennt, sei das aber ausschlaggebend. Agnes habe die richtige Haarlänge, darum werde mit ihr das Bild stimmen.  Sie bittet Agnes, sich auf einen zweckentfremdet darstehenden Barhocker zu setzen und ihre Haare aufzulösen. Agnes tut es und scherzt, die seien schon so lang, daß sie sich auf sie setzen könne. Lydia sagt, für ihren Zweck sei das jetzt genau richtig, aber nachher könnte sie ihr die Haare ja abschneiden, falls sie das wolle. Agnes will das ganz und gar nicht. Lydia behauptet, ein Stück könnte Agnes sich ruhig abschneiden lassen. Aber wenn sie das nicht wolle, solle sie nicht klagen, sondern sich vor der linken Schulter einen Zopf flechten, denn so möchte sie sie malen. Sie erklärt genau, wie der Zopf liegen und Agnes den Kopf halten soll. Agnes tut alles so, wie Lydia es haben möchte. Sie fühlt sich dabei nicht besonders gut. Aber Lydia hatte darauf bestanden, Agnes müsse ihr für dieses neue Gemälde unbedingt Modell sitzen, und sie mochte ihre Schwester nicht kränken.

 

Unterdessen ist Kolling dabei, das ehemalige Templerhaus zu inspizieren, so weit möglich. Er gelangt am Dachboden an. Kolling ist sichtlich enttäuscht, nichts von alledem entdeckt zu haben, was er sich womöglich versprochen hatte. Durch eines der kleinen Fenster, reicht der Blick durch die großen Glasscheiben der Atelierwohnung gegenüber. Mühelos kann Kolling das Treiben der beiden Schwestern dort drüben beobachten. Dies verändert seine Miene. Wie gebannt strengt er seine Augen an. Er erkennt das mehr als halbfertige Bild des Baphomet und die junge Frau mit den außergewöhnlich langen Haaren. All dies wirkt geradezu elektrisierend auf ihn. Er telefoniert mit seinem Handy und gibt in knappen Worten durch, wo er sich befindet. Er sagt, jetzt könne diese Sybille zeigen, was sie mit ihren Methoden auszurichten vermöge; sie solle herkommen und ihren Hokuspokus unter Beweis stellen.

 

Im Haus gegenüber flicht Agnes den Zopf fertig und läßt sich von Lydia genau instruieren, wie sie sitzen und wie wohin schauen solle. Lydia zieht eine leichte weiße Jacke über, der anzusehen ist, daß sie vor Ölfarbe am falschen Ort zu schützen hat, und bindet sich ihre reichlich mittellangen Haare zusammen. Dabei erklärt sie, die Haare von Frauen seien so etwas wie magische Antennen, mit denen sich Botschaften aus dem Jenseits empfangen und auch dorthin senden ließen, wenn man sich darauf verstehe. Sogar mit ihren nur mittellangen Haaren könne sie da einiges bewirken. Wenn Agnes nicht so desinteressiert an dem okkulten Wissen wäre, würde sie sehr viel mehr vermögen. Agnes ist zwar nicht völlig desinteressiert, verspürt aber in der Tat keine Neigung dazu, sich magisch zu betätigen. Lydia malt und kommt gut voran, und Agnes hört ihren Ausführungen geduldig zu.

 

Vom Dachbodenfenster des gegenüberliegenden Hauses aus sieht Kolling mit Ungeduld ein Taxi in der Blutgasse halten. Eine schwarz gekleidete Frau steigt aus. Es ist Sybille. Bald darauf öffnet sich die Tür zum Dachboden, und die schwarzgekleidete Frau tritt ein. Kolling spricht sie mit höflicher Distanz an. Er fordert sie auf, aus dem Fenster zu schauen und in das gegenüberliegende Atelier zu sehen. Die Frau namens Sybille braucht keine weiteren Erläuterungen. Sie sagt mit ruhiger Stimme, die Langhaarige müsse sterben, und zwar sehr schnell. Und auf alle Fälle müßten ihr die Haare abgeschnitten werden, sogar noch nach dem Tode, weil sie sonst womöglich wieder Lebensstoffe aus dem Jenseits anziehen könnten. Sogar der hartgesottene Kolling erschauert vor Sybilles Eiseskälte. Er sagt nur knapp und nicht ohne Skepsis in der Stimme, sie möge das Nötige tun, falls sie es wirklich könne, und geht. Die Frau namens Sybille steht vor der schmalen Fensterbank. Sie öffnet einen kleinen Koffer und packt Utensilien aus. Ein Fläschchen kommt zum Vorschein, ein Stück Kohle und ein kleines schmales Messer in einer verzierten Scheide.

 

Die beiden Schwestern im Haus gegenüber sind gut gelaunt. Lydia ist mit dem Malen flott vorangekommen. Sie möchte eine Pause einlegen und ein Glas Wein trinken. Agnes verläßt ihren Sitz auf dem Barhocker und setzt sich zu Lydia auf ein Sofa bei einem niedrigen Tisch, wo Lydia zwei Gläser voll Wein schenkt. Sie sprechen jetzt gut gestimmt über alltägliche Dinge. Lydia fordert Agnes auf, Walthers Angebot anzunehmen, ihr ein Auto zu kaufen. Es sei dumm, sich da zu zieren. Schließlich habe sie, Lydia, sich die komplette Atelierwohnung von Walther einrichten und de facto schenken lassen. Agnes hält entgegen, dafür sei sie ja auch mit ihm verlobt, und das Haus gehöre ohnehin ihm.

 

Die schwarzgekleidete Frau steht weiterhin am Fenster. Sie hat mit Kohle sonderbare Zeichen auf die Fensterbank gemalt. Nun öffnet sie das Fläschchen und läßt mehrere Tropfen einer dunkelroten Flüssigkeit auf die bizarren Symbole fallen. Jetzt packt sie Kohle und Fläschchen wieder in den kleinen Koffer und entnimmt diesem eine Puppe, die nicht viel größer als ihre Hand ist. Es ist die Puppe eines Mädchens mit einem langen Zopf. Sybille legt den Koffer beiseite und konzentriert sich auf ihre Zeichen. Draußen zieht Abendrot auf, aber es ist noch hell. Sybille beobachtet die beiden jungen Frauen hinter den großen Scheiben der Atelierfenster gegenüber. Ihre Miene verzieht sich ärgerlich, da Lydia so sitzt, daß sie zumeist den Blick auf Agnes versperrt.

 

Doch immer wieder ergeben sich Momente, in denen der Blick auf Agnes frei wird. Die Frau namens Sybille zieht das kleine Messer aus der Scheide. Das Abendrot färbt die blanke Klinge blutrot. Sybille hält mit einer Hand die kleine Puppe auf der Fensterbank fest und legt mit der anderen die scharfe Klinge des Messers an den Zopf der Puppe. Sybilles Blick ist mit äußerster Konzentration auf die beiden Frauen hinter dem gegenüberliegenden Fenster gerichtet, sie wartet darauf, Agnes voll im Blickfeld zu haben. Dann drückt sie das kleine Messer nieder und schneidet der Puppe den Zopf ab. Sybille verzieht ärgerlich das Gesicht, denn in diesem Moment hatte Lydia nach dem Weinglas gegriffen und Agnes verdeckt. Sybille holt wieder das Fläschchen und läßt erneut rote Flüssigkeit auf die Fensterbank tropfen. Ohne eine Miene zu verziehen, sticht sich die schwarzgekleidete Frau mit dem kleinen Messer in die Hand und läßt frische Blutstropfen auf die Fensterbank rinnen. Sie wechselt die Tätigkeit der Hände und setzt die Spitze des Messers auf den Kopf der Puppe. Sybilles Augen sind angestrengt vom Lauern auf den richtigen Moment. Lydias Rücken verdeckt Agnes fast immer. Doch dann dreht sie sich, um auf das Bild zu zeigen und gibt den Blick auf Agnes frei. Die Frau namens Sybille sticht der Puppe das Messer in den Kopf. Aber Agnes hatte Lydias Bewegung hin zu dem Bild gleich nachvollzogen und war daher sofort wieder verdeckt gewesen. Und jetzt gehen beide in die Küche und entschwinden damit völlig dem Gesichtsfeld der schwarzgekleideten Frau. Diese gibt ärgerlich auf. Sie wischt die Zeichen von der Fensterbank und verläßt den Dachboden und das Haus.

 

Die beiden Schwestern haben sich einen Kaffee aufgesetzt und gehen jetzt zum Sofa zurück. Lydia ist mit ihrem Tagewerk zufrieden und beischließt, für heute Feierabend zu machen. Das Gemälde ist, bis auf kleine Feinheiten, fertig. Agnes löst sich den Zopf wieder auf. Lydia schenkt Wein nach und sagt, es würde sensationell sein, wenn sie den echten Zopf in das Bild einfügen könnte. Lydia hantiert an Agnes´ Haaren herum und spricht ganz offen aus, sie würde sie ihr am liebsten abschneiden. Manchmal mache es sie richtig neidisch, wenn ihr Verlobter mit leuchtenden Augen nach den schönen Haaren ihrer Schwester schiele. Ob Agnes sich nicht wenigstens ein Stück abschneiden lassen wolle, vielleicht bis zur Taille, dann seien sie, magisch gesehen, immer noch lang genug. Agnes will auf gar keinen Fall etwas von ihren Haaren hergeben, sie seien vollständig ein Teil von ihr, und schließlich schnitte sie sich ja auch keinen Arm ab! Die beiden Schwestern haben schon ein paar Gläser getrunken, woran Agnes nicht gewöhnt ist. Sie läßt sich auf ein Gespräch über ihre Haare ein und, ganz gegen ihr Gefühl, sogar darüber, eventuell etwas an ihnen zu schneiden, obschon ihr dieser Gedanke fremd und zuwider ist. Lydia kommt auf eines ihrer bevorzugten Themen zurück. Sie spricht über Magie und die Wirkung gewisser Schwingungen in den weiblichen Haaren: ”Bei Frauen”, so erklärt sie, ”reicht der Astralkörper nämlich bis in die Haare. Jeder Mensch hat ja einen Astralkörper in sich. Das ist sozusagen der wirkliche unsterbliche Körper, um den sich während des Erdendaseins der globstoffliche Leib bildet. Die Astralkörper von Frauen sind aber ganz anders aufgebaut als die von Männern. Sogar die Feinstoffe, aus denen sie bestehen, sind verschiedenartig. So reichen die Astralkörper der Frauen über einen Meter weit bis in die Haare hinein. Darum fallen sie ihnen auch nicht aus, wie den meisten Männern. Frauenhaare ziehen durch diesen lebendigen Astralkörper lichte Schwingungen an, die wichtige Kräfte geben – gewissermaßen den Atem des Astralkörpers. Der funktioniert natürlich bloß, wenn die Haare lang genug sind. Darum dürften Mädchen- und Frauenhaare eigentlich gar nicht geschnitten werden, weil das immer den lebendigen Astralkörper verletzt und darüber hinaus

die astrale Atmung behindert. Nur zu dünn gewordene Spitzen dürften hin und wieder geschnitten werden, da der Astralkörper sich in diesen nicht mehr richtig entfaltet.” All das hat Lydia durchaus ernstzunehmenden alten Wissensschriften entnommen, ohne aber für selber viel daraus gelernt zu haben, wie sie auch sagt; sie sei immer wieder verschiedenen Moden nachgelaufen, habe ihre Haare schneiden und blondieren lassen und dadurch ihren Astralkörper arg geschädigt. Wenigstens gut taillenlang hätte sie ihre Haare immer bewahren müssen. Die Taillenlänge sei auch praktisch. Ganz lang würde ihr zu mühsam sein – aber das sei selbstverständlich ein Fehler. Agnes mache das bei sich schon richtig! Agnes erwidert, so mühsam sei das gar nicht, wenn man sich einmal daran gewöhnt habe. Ein paar Minuten starrt Lydia schweigend vor sich hin – als ob etwas sonderbar Fremdartiges in ihr vorgehe. Urplötzlich schlägt sie Agnes vor, sie sollten sich gleich jetzt gegenseitig ihre Haare kurz schneiden. Agnes hält das für einen schlechten Scherz, obwohl Lydia tatsächlich aufsteht, ihren großen auf Rollen gelagerten Standspiegel herbeischafft und einen Kamm samt einer Schere holt. Agnes erinnert Lydia daran, daß sie doch noch eben erst gesagt habe, schon wegen der Astralkörper sollte man Frauenhaare immer lang lassen! Lydia schaut verwirrt und verwundert zugleich, sie scheint das alles völlig vergessen zu haben. Einige Gläser Wein zuviel, lassen Agnes die Lage nicht richtig einschätzen. Lydia ist es sehr ernst. Da Agnes sich standhaft weigert, sich ihre Haare schneiden zu lassen, schlägt Lydia vor, Streichhölzer entscheiden zu lassen, wie sie das schon als Kinder in Streitfällen getan hätten. Falls Agnes das kurze ziehe, müsse sie sich ihre Haare abschneiden lassen; ziehe sie das lange, verspreche Lydia, nie mehr davon zu reden. Nach noch einem Glas Wein, stimmt Agnes zu, sich ihre Haare dann ein Stückchen schneiden zu lassen, aber nur die untersten Spitzen. Lydia bereitet die Streichhölzer vor und hält sie Agnes hin. Agnes zieht das kurze. Durch die Wirkung des Weins wird ihr nicht gleich klar, was das für sie bedeuten soll. Lydia sagt, Agnes solle sich auf den Barhocker setzen. Agnes tut das und schaut sich ihre Haarenden an, auf die sie wieder zu sitzen gekommen war. Sie reichen rund zwanzig Zentimeter unter die Sitzfläche. Es ist ungefähr das Stück, um das Agnes selbst ihre Haare manchmal zu lang findet. Obwohl Agnes schon jetzt jedes eventuelle Schneiden an ihren Haaren weh tut, sagt sie Lydia doch, dieses unterste Stück könne sie ihr abschneiden, so daß sie sich nicht mehr immer wieder darauf setzen würde. Wohl ist Agnes nicht dabei. Am liebsten würde sie von dem Barhocker springen und davonlaufen. Aber etwas, das sie selbst nicht versteht, hindert sie daran, das zu tun. Lydia kämmt Agnes‘ Haare vom Scheitel bis zu den Spitzen glatt. Agnes von dem Barhocker und schaut ihre Schwester ebenso vorwurfsvoll wie verständnislos an. Jede Weinwirkung ist mit einem male verflogen. Lydias Blich ist starr und zunehmend zornig. Agnes erkennt ein unheimliches, urfremdes Funkeln in den Augen ihrer Schwester. Lydia steht ihr steif gegenüber, die Schere in der Hand. Sie bleibt reglos auf der Stelle stehen. Es ist, als ginge etwas Grauenhaftes in ihr vor. Der wutsprühende Blick läßt Agnes erschauern. Sie dreht sich schnell um und verläßt fluchtartig die Atelierwohnung.

 

Wie von unsichtbaren Wölfen gehetzt, eilt Agnes die Treppen hinunter, läuft durch den Hauseingang und hält erst inne, als sie die Blutgasse hinter sich gelassen hat. Mit großer

 

Erleichterung sieht sie ein freies Taxi kommen. Sie winkt ihm und steigt schnell ein. Jetzt fällt ihr auf, daß sie ihre Handtasche vergessen hat. Aber Walther muß ohnehin schon seit über einer viertel Stunde im Restaurant, in den „Drei Husaren”, warten. Agnes dirigiert das Taxi dort hin. Allmählich fängt sie sich wieder und kommt zur Ruhe.

 

In den „Drei Husaren” wartet Walther geduldig. Von Lydia ist er Verspätungen gewöhnt, und es verwundert ihn nicht sonderlich, daß in deren Schlepptau auch die sonst zuverlässige Agnes auf sich warten läßt. Dann sieht er Agnes mit offenen Haaren kommen. Das ist so ungewöhnlich, daß er ein wenig staunt, ohne jedoch an Schlimmes zu denken. Es gefällt ihm, Agnes so zu sehen, wozu sie ihm nicht oft Gelegenheit bietet. Agnes entschuldigt sich und bittet um Geld für das vor der Tür wartende Taxi. Walter rückt ihr den Stuhl zurecht, sie möge sich ruhig setzen, er werde zu dem Taxifahrer hinausgehen. Nach ein paar Minuten kommt Walther zurück und setzt sich zu Agnes an den Tisch. Er nimmt an, daß die mitunter launische Lydia diese Verabredung nicht mehr wahrnehmen werde; dergleichen geschähe nicht zum erstenmal. Agnes erzählt, wie sonderbar sich Lydia verhalten habe, ohne sofort auf Einzelheiten einzugehen. Sie streicht sich die aus ihrem seitlichen Scheitel vorgleitenden Haare zurück und bittet Walther, ihr entweder seine Schnürsenkel oder die Krawatte zu leihen. Schmunzelnd gibt er ihr seine Krawatte, und sie bindet sich damit ihre Haare zusammen. Sie tut es gegen ihre Gewohnheit vor der Schulter, als fürchte sie einen plötzlichen Angriff von hinten. Der Ober kommt, Agnes und Walther bestellen. Anschließend berichtet Agnes in undramatischer Form, was in der vergangenen Stunde in Lydias Atelier vorgefallen war. Der sonst so ruhige Walther wird darüber ungewöhnlich wütend. Er sagt offen, er sei froh, daß Lydia nicht mitgekommen sei, denn sonst würde es einen ernsthaften Streit gegeben haben, der wegen dieser Sache ohnehin noch bevorstehe. Agnes versucht ihn zu besänftigen, so gut sie es vermag, doch Walther glüht vor Zorn.

 

Lydia hat die elektrische Beleuchtung ausgeschaltet und im ganzen Atelier eine Menge Kerzen angezündet. Sie kniet auf dem Boden und zeichnet mit schwarzer Kohle einen doppelten Kreis um sich herum. Außerhalb des Kreises liegt ein aufgeschlagenes Manuskript, das ihr offensichtlich zur Anleitung dient. Zwischen die beiden Kreislinien malt Lydia mit roter Ölfarbe bizarre Symbole und murmelt dazu unverstehbare Worte. Der große Spiegel auf Rollen steht dicht bei dem Kohlekreis. Auf das Spiegelglas ist mit wenigen gekonnten Ölpinselstrichen ein Bild gemalt, das unverkennbar Agnes darstellen soll. Lydia steht auf, holt ein Dutzend brennender Kerzen und stellt diese in jene Hälfte ihres magischen Kreises, die an den Spiegel grenzt. Als nächstes nimmt Lydia aus der Handtasche, die Agnes vergessen hat, deren Kamm und holt die noch von vorhin bereitliegende Schere. Damit stellt Lydia sich in die freie Hälfte des magischen Kreises. Sie murmelt wieder wirre Worte und kämmt sich dabei mit Agnes´ Kamm. Lydia wirft den Kamm zur Seite und neigt der Kopf über die Flammen der Kerzen. Nun schneidet sie sich bedächtig eine große Locken ab und läßt diese in die Flammen der Kerzen fallen. Dabei spricht Lydia zunehmend lauter, zwischendurch grell schreiend, bizarr klingende Worte. Dann hebt sie den Kopf und läßt die Schere sinken. Abermals stößt sie einen irren Schrei aus. Unterdessen klingeln und klopfen schon Nachbarn an Lydias Tür, um sich wegen des Lärms des Brandgeruchs zu beschweren. Die Tür ist nicht abgeschlossen. Einer der Nachbarn öffnet und tritt ein, da er Feuer sieht. Lydia packt die Schere wie einen Dolch und geht, wild kreischend, auf den Nachbarn los. Sie verwundet ihn schwer und greift sofort den nächsten an, der zu Hilfe zu eilen versucht. Andere Nachbarn flüchten und rufen die Polizei, die auch schnell kommt. Die rasende Lydia wird von den Polizisten überwältigt. Einer von ihnen ruft über Funk einen Wagen der Psychiatrie, denn er hat die Lage schnell richtig erkannt. Nachbarn löschen inzwischen das Feuer, das sich von dem magischen Kreis her auszubreiten droht.

Kolling sitzt mit der Frau namens Sybille in einer entlegenen Nische der exklusiven Hotelbar. Auf Sybilles linkem Handrücken klebt ein Heftpflaster. Kolling zeigt sich unzufrieden. Er habe,  so betont er, immer mehr von soliden irdischen Methoden gehalten als von Hokuspokus (bei diesem Ausdruck zuckt Sybille zusammen), doch er habe eben zu tun, was sein Auftraggeber wünsche. Die Frau namens Sybille sagt, sie habe zwar die Frau mit den ganz langen Haaren verfehlt, dafür aber die Malerin zweimal getroffen, und diese werde der Langhaarigen sowieso bald den Rest geben. Kolling läßt ein Zweifel andeutende Murren hören. Die schwarzgeleidete Frau sagt daraufhin mit einem rechthaberischen Unterton in der Stimme, sie habe die Schwingung der Langhaarigen eindeutig erfaßt und werde ihr zur Sicherheit noch in dieser Nacht die Haare schwer wie Blei machen und ihr die grausamsten Kopfschmerzen senden, so daß sie sich die langen Haare selber abschneiden würde. Kolling könne unbesorgt sein, die Haare dieses Mädchens würden rechtzeitig fallen und den Templererben also nicht für die Aktivierung des großen Baphomet zur Verfügung stehen. Kolling sagt, er habe die Order, das Mädchen müsse unbedingt sterben. Denn wenn sie wirklich unmittelbar von der sogenannten baphometischen Schwingung erwählt sei, wie jene Leute das nennten, könnten sie in einigen Jahren vor dem gleichen Problem stehen wie jetzt, falls die Baphomet-Figur vielleicht doch nicht gefunden und zerstört werden könne. Diese Agnes würde dann nämlich vielleicht dreißig sein und wieder so lange Haare haben wie jetzt. Die Frau namens Sybille versichert, sie wolle dafür sorgen, daß diese Agnes schnell sterbe. Ohnehin würde, aufgrund der Schwingungskonstellation, bereits ein einziger Schnitt in den Haaren jener jungen Frau zu Irrsinn und Tod führen. Abermals muß Kolling einen Anflug von Grauen abschütteln. Er spricht seiner Helferin höflichen, aber betont distanziert, Dank für ihre Bemühungen aus, die, wie er hoffe, zum Ziel führen würden.

 

In Berlin sitzt Blanchefort hinter seinem großen Schreibtisch und lauscht mit regungsloser Miene am Telefonhörer. Schließlich sagt er, er werde schon morgen früh in Wien sein. Offenkundig habe sich der Baphomet jene junge Frau wirklich unmittelbar zu Braut erwählt, habe der dem Baphomet innewohnende Geist also in ihr seine Geliebte aus ewiger Ehe entdeckt und angezogen. Sie müsse perfekt geschützt werden! Sie dürfe nicht dem allergeringsten Risiko ausgesetzt sein.

In ihrem geräumigen Zimmer eines Wiener Hotel nimmt die Frau namens Sybille in eine schwarzmagische Handlung vor. Auf den Tisch hat sie einen Kohlekreis voller bizarrer Symbole gezeichnet und sticht sich jetzt mit dem kleinen Messer erneut in die Hand, so daß Blut in den Kohlekreis tropft. Dann holt sie wiederum eine kleine Puppe hervor, die ein Mädchen mit sehr langen Haaren darstellen soll. Sybille legt die Puppe mit den Gesicht nach unten in den Kohlekreis und hält sie dort fest. Mit der anderen Hand zieht sie an den Haaren der Puppe und spricht dazu zischend unverständliche Worte. Die schwarzgekleidete Frau zieht so stark an den Haaren der Puppe, daß deren Kopf sich immer weiter nach hinten biegt und schließlich vom Rumpf abreißt. Sybille hält den abgerissenen Puppenkopf an dessen Haaren in der Hand. Sie holt aus und schmettert ihn auf die Tischplatte.

 

Agnes zuckt im Bett zusammen. Sie erwacht aus einem unruhigen Schlaf. Der Spiegel an der Wand gegenüber zeigt ein Abbild des Fensters. Draußen steht ein heller Mond, beinahe Vollmond. Agnes setzt sich im Bett auf. Der Spiegel zeigt ihr ihre Silhouette. Agnes steht auf und macht Licht. Sie tastet sich an den Kopf und massiert die Schläfen. Sie wird von ungewohnten Kopfschmerzen geplagt. Sie geht ins Badezimmer. Dort sucht und findet sie eine Tablette. Agnes schaut in den Spiegel und hebt ihre Haare an, als wolle sie deren Gewicht prüfen. Dann nimmt sie die Tablette und legt sich mit einem leisen Seufzer wieder ins Bett. Aber sie kann nicht einschlafen. Das Glas des gegenüberliegenden Spiegels scheint rötlich zu leuchten. Agnes steht nochmals auf und tritt vor den Spiegel. Sie nimmt einen Kamm und fährt sich damit durch ihre glatten langen Haare, auf denen das durchs Fenster strahlende Mondlicht schimmert. Jetzt läßt der Kopfschmerz nach. Aber noch immer kommt es Agnes so vor, als zeige der Spiegel sie in einem zarten rötlichen Licht. Sie wendet sich dem Fenster zu, geht hin und öffnet es. Dann tritt sie abermals vor den Spiegel. Jetzt scheint alles normal zu sein. Agnes legt sich wieder ins Bett.

 

In einem dunklen Einzelzimmer liegt Lydia in einem Gitterbett. Sie liegt völlig starr, aber sie schläft nicht. Ihre Augen bewegen sich immerzu hin und her, und ihre Lippen formen ununterbrochen tonlose Worte.

 

Agnes erwacht abermals aus dem Schlaf. Ihr ist heiß. Auch die Kopfschmerzen melden sich wieder. Agnes zieht sich aus und geht ins Badezimmer. Sie steckt ihre Haare unter eine große Badehaube und duscht. Anschließend wirft sie sich einen Bademantel über und bürstet ihre Haare. Sie kommen ihr noch viel schwerer vor als sonst. Das Gewicht Ihrer Haare direkt auf der Haut ist besonders angenehm. Agnes liebt dieses Gefühl. Sie zieht sich aus, macht Licht, setzt sich an den kleinen Tisch beim Schlafzimmerfenster. Es gibt gegenüber kein Fenster, von dem aus sie jemand beobachten könnte. Agnes schiebt ihre offenen Haare hinter die Schultern, nimmt das Tagebuch, das auf diesem Tischchen liegt, schlägt es auf und schreibt.

 

In Berlin macht sich Lothar von Blanchefort in seiner Wohnung am Stadtrand reisefertig. Er packt nicht viel ein. Es klingelt an der Tür. Blanchefort geht zuerst in sein Arbeitszimmer und steckt eine alte 08-Pistole zu sich, eher er öffnet. Die Vorsicht war unnötig. Eine brünette Dame steht im Türrahmen. Blanchefort spricht sie mit dem Namen Julietta an. Die beiden begrüßen sich mit verhaltener Herzlichkeit. Die Dame mag Anfang dreißig sein. Sie ist sehr schön. Sie kommt aus Wien, um Blanchefort über die bisher feststellbaren Aktionen von Kolling und dessen Leuten zu unterrichten. Julietta hat kein Gepäck bei sich. Sie wird bei Blanchefort übernachten und am kommenden morgen mit ihm nach Wien zurückfliegen. Offensichtlich kennt sie sich in Blancheforts Wohnung aus und hat auch die nötigsten Toilettsachen da. Während Blanchefort zuende packt, macht es sich Julietta leicht. Bald erscheint sie im Morgenmantel und mit aufgelösten Haaren, die beinahe die Länge von Agnes‘ Haaren haben. Zwischen ihr und Blanchefort scheint ein besonders persönliches Verhältnis zu  bestehen, obschon der Mann sehr alt ist. Wie sie sich aber näher kommen, ist es, als leuchte der Hauch eines rötlichen Strahlens aus den Haaren der Frau. Dadurch geht mit Blanchefort eine geheimnisvolle Wandlung vor sich: Aus einem wohl Achtzigjährigen wird ein Mann von Mitte vierzig, mit starken Muskeln und straffer Haut und einem Gesicht von strenger männlicher Schönheit. Wie die Lampen verlöschen, bleibt um die nun nackten Körper der beiden jener Hauch eines rötlichen Strahlens, der von den langen Haaren der Frau ausgegangen war. Und sie lieben einander wie zwei Menschenwesen, über die die Zeit keine Macht hat. Agnes hat sich gerade eine Tasse Frühstückskaffee eingeschenkt, als das Telefon klingelt. Walther ist dran. Er berichtet in wenigen Worten, was mit Lydia geschehen sei. Die Eltern, die sich auf Urlaub im Ausland befinden, habe er noch nicht unterrichtet, um eine womöglich unnötige Aufregung zu vermeiden. Wahrscheinlich habe Lydia nichts wirklich gar so

Schlimmes. Er telefoniert aus dem Auto auf dem Wege zur psychiatrischen Klinik, um Lydia zu besuchen und mit den dortigen Ärzten zu reden. Agnes drängt ihn, sie mitzunehmen. Das ist Walther nicht recht, doch er gibt nach und sagt, dann werde er sie in gleich abzuholen. Agnes beendet ihr kaum begonnenes Frühstück und macht sich zurecht. Ihre Haare flicht sie heute vor der linken Schulter zu einem Zopf. Schon wieder wird sie von Kopfschmerzen geplagt. Sie nimmt gleich zwei Tabletten auf einmal und geht dann, um Walther vor der Haustür zu erwarten. Der fährt auch schon vor, und Agnes steigt zu in den Wagen.

 

Am Flughafen Wien-Schwechat landet zur selben Zeit Lothar von Blanchefort zusammen mit seiner Begleiterin mit dem ersten Flugzeug aus Berlin. Er ist wieder der alte Herr, rüstig und äußerlich doch im Greisenalter. Die Dame hat ihre Haare wieder zu einem dicken Nackenknoten geschlungen. Sie nehmen ein Taxi, und Blanchefort nennt dem Fahrer das Ziel: Die Blutgasse im 1. Bezirk. Offenkundig kennt sich Blanchefort in Wien aus.

 

In der psychiatrischen Klinik an der Baumgarter Höhe bei Wien sprechen Walther und Agnes zunächst mit dem Primarius und dem Lydia behandelnden Arzt. Man sagt ihnen, Lydia leide unter absonderlichen Wahnvorstellungen mit Neigung zur Gewalttätigkeit. Immerhin habe sie gestern einen Nachbarn angegriffen und ernstlich verletzt. Es sei aber durchaus denkbar, das dieser Zustand sehr bald vergehe; eine gewisse Besserung sei bereits eingetreten. Dennoch lassen die Ärzte nur einen sehr kurzen Besuch zu. Lydia ist durch Medikamente beruhigt worden. Trotzdem fängt sie sofort an zu schreien, als sie Walther und Agnes sieht. Sie zeigt mit ausgestrecktem Arm auf Agnes und ruft, diese trage die Schwingungen der apoka-lyptischen Engel in sich. Wie ein verwirrtes Raubtier, daß sich vor der Maßregelung durch seinen Dompteur fürchtet, weicht Lydia in die äußerste Ecke des Raums zurück. Agnes durchrieselt ein eiskalter Schauer, und Walther ergeht es kaum anders. Der behandelnde Arzt drängt auf sofortigen Abbruch des Besuchs, versichert jedoch, Lydia habe keinerlei schwere Krankheit, es sei sicherlich nur ein vorübergehendes Gestörtsein. Walther und Agnes verlassen den Pavillon in gedrückter Stimmung. Agnes ist erschüttert. Walter bemüht sich, sie mit Hinweis auf die Worte des Arztes zu beruhigen.

 

Sie fahren zurück in die Stadt. Dort wollen sie auch nach Lydias Atelier schauen. Walther, der als Besitzer des Hauses und der Wohnung von der Polizei informiert worden war, hat sich schon in aller Frühe von dem schlimmen Zustand des Ateliers überzeugt und seine Putzfrau zum Aufräumen dorthin geschickt.

 

Blanchefort und Julietta steigen vor dem ehemaligen Templerhaus aus dem Taxi und betreten durch die unverschlossene Tür das alte Gebäude. Sie begeben sich ohne Umwege in den Keller. Julietta öffnet eine schmale Tür, zu der sie einen Schlüssel besitzt. Hinter dieser Tür befindet sich eine enge Wendeltreppe. Blanchefort zieht eine Taschenlampe hervor. Sie verschließen hinter sich wieder die Tür. Es geht die Wendeltreppe hinunter. Diese mündet im unteren Kellergewölbe. Es ist jenes Gewölbe, in dem einst der große Baphomet gestanden hat. Auch dort halten sich Blanchefort und Julietta nicht auf. Sie gehen zu der Wand, die sich auf einen geheimen Druck zu einem unterirdischen Gang hin öffnen läßt. Julietta betätigt den verborgenen Mechanismus, und die beiden verschwinden in dem geheimen Gang. Die Wand schließt sich hinter ihnen – wie schon weiland vor Jahrhunderten hinter anderen Mitgliedern ihrer Gemeinschaft.

 

Walther und Agnes betreten Lydias Atelier. Dort ist schon die von Walter beorderte Putzfrau am Werke. Trotzdem sieht es noch immer wüst aus. Agnes sieht ihren Kamm und ihre Handtasche am Boden liegen und hebt beides auf. Sie entdeckt das kurze Streichholz, das sie gestern gezogen hatte, und sie findet auch das zweite – es ist ebenfalls kurz. Dann erkennt sie auf dem großen Standspiegel die Zeichnung mit schwarzen Pinselstrichen, die offensichtlich sie darstellen soll. Einige rote Pinselstriche durchkreuzen auf Kinnhöhe die Haare. Auch Walhter nimmt dies wahr. Agnes beginnt unwillkürlich zu zittern. Sie sagt, Lydia glaube, in ihren Haaren seien irgendwelche magischen Schwingungen; und tatsächlich habe sie seit gestern Nacht schlimme Kopfschmerzen und es komme ihr so vor, als ob ihre Haare mit dem Gewicht von hundert Telefonbüchern in ihrem Nacken zögen. Walther legt einen Arm um ihre Schultern und sagt, das komme bloß von dem Wein, den sie gestern in ungewohnter Menge getrunken habe, dafür könnten ihre schönen Haare bestimmt nichts. Sie verlassen das Atelier und das Haus.

 

Blanchefort steht in einem alten unterirdischen Gewölbe, das jenem unter dem ehemaligen Templerhaus ähnelt, jedoch wesentlich größer ist. Das wird erkennbar, als Blanchefort Licht anschaltet. Die elektrische Beleuchtung ist ganz offensichtlich erst unlängst provisorisch angebracht worden. Lauter kleine Scheinwerfer, welche die Mitte der Gewölbes bestrahlen. Blanchefort betätigt einen verdeckten Hebel an der Wand neben dem Ausgang des Geheimgangs. Ein dumpfes Grollen und Mahlen von Gestein auf Gestein ertönt. In der Mitte des Gewölbes wälzen sich die Steinplatten des Bodens auseinander, und aus der Tiefe schiebt sich ein dunkles, über zwei Meter hohes Gebilde empor. Es dauert eine Weile, bis dieses Gebilde seinen Platz voll eingenommen hat und die mahlenden Geräusche verstummen. Blanchefort geht zu dem sonderbaren Gebilde. Es besteht unten aus einem runden siebenstufigen Sockel aus blankpoliertem Basaltgestein. Was sich darauf befindet, ist von einem zerschlissenen violetten Tuch verhüllt. Blanchefort bleibt davor stehen und sieht es nachdenklich an. Unterdessen geht Julietta zur gegenüber befindlichen Wand. Auch dort ist, wie jetzt zu erkennbar wird, Verschiedenes unter dunklen Tüchern verborgen. Julietta zieht die Tücher weg. Ein steinerner Altar kommt zum Vorschein und dahinter die lebensgroße goldene Statue einer prachtvollen Göttin mit sehr langen Haaren, die sie wie gespreizte Flügel umgeben. Julietta verweilt vor dem Standbild der Göttin, Blanchefort tritt neben sie. Beide schauen die Figur der Göttin an: Ischtar, Venus – die Göttin der Liebe. Julietta entzündet zwei Kerzen, die auf dem Altar bereitstehen, Nach einer Weile des Schweigens vor dem Standbild der Göttin, wenden sie sich dann dem merkwürdigen Gebilde zu, aus das dem Boden aufgetaucht war. Blanchefort steigt auf die unteren Stufen des runden Sockels und zieht das violette Tuch ab: Strahlend und funkelnd steht da: Der große Baphomet.

 

Agnes versucht, sich auf ein Buch zu konzentrieren. Es gelingt ihr nicht. Von ihrem Gesicht sind starke Schmerzen abzulesen. Sie geht ins Badezimmer, um noch eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Die Schachtel ist leer. Agnes quält sich. Sie nimmt nochmals das Buch, läßt es auf den Tisch zurück fallen und geht im Zimmer hin und her. Sie stützt den Kopf in die Hände und greift schließlich zum Telefonbuch. Im Erdgeschoß des Hauses praktiziert eine Ärztin. Diese ruft Agnes an und fragt, ob sie auf einen Sprung hinunter kommen könne. Es ist dafür zeitlich gerade günstig.

 

Die Ärztin hört Agnes nicht lange zu. Sie hebt Agnes‘ Zopf an. Die langen Haare seien schuld, behauptet die Ärztin, sie seien zu schwer und verursachten dadurch die Kopfschmerzen. So etwas komme zwar bloß sehr selten vor, aber manchmal eben doch. Die langen Haare müßten herunter. Agnes schüttelt entschieden den Kopf und zuckt sogleich wegen der durch diese heftige Bewegung verstärkt stechenden Kopfschmerzen zusammen. Agnes entzieht ihre Haare den Händen der Ärztin. Sie sei überzeugt, sagt Agnes, die Kopfschmerzen werden auch so wieder vergehen. Die Ärztin versteht Agnes‘ Gefühle und macht sich die Mühe einer weiteren Untersuchung, kann jedoch nichts finden, was die Kopfschmerzen hervorrufen könnte. Sie gibt Agnes eine größere Menge Ärztemuster-Tabletten gegen Kopfschmerzen. mit und wünscht ihr alles Gute.

 

Julietta mietet sich in demselben Hotel ein, in dem auch Kolling mit seinen Leuten Quartier bezogen hat. Julietta betritt das Hotelrestaurant. Dort sitzt Kolling mit Sybille. Julietta erkennt Kolling aufgrund eines Fotos, das sie von ihm gesehen hat. Aber auch sonst würde sie ihn erkannt haben – denn sie erfühlt sofort die finstere Macht, die ihm in der Person von Sybille gegenüber sitzt. Auch Sybille scheint eine Gegnerin in der Nähe zu spüren, sie späht um sich, fixiert verschiedene Gäste, vor allem Frauen, die in Frage kommen könnten. Sybilles Blick trifft auch auf Julietta, ist sich aber offenbar nicht sicher, ob diese ihre Gegnerin ist oder eine andere, mehrere Frauen im Raum tragen aufgesteckte Haare, die eine magisch wirksame Länge haben könnten. Sybille wird sich offenkundig nicht sicher, ihre Unruhe steigt. Sie sagt Kolling, sie bemerke gegnerische Schwingungen in nächster Nähe. Kolling unterdrückt ein Murren, er hält das für Unfug. Julietta nimmt an einem freien Tisch Platz, der den beiden Gegnern nicht nahe steht, ihr aber einen guten Blick auf diese ermöglicht. Sybille erhebt sich. Sie sagt zu Kolling, sie wolle noch etwas zur doppelten Sicherheit unternehmen, obwohl sie davon ausgehe, die Haare der Betreffenden würden geschnitten und sie dadurch zugleich getötet werden. Sybille verläßt den Tisch und geht. Julietta behält vorerst Kolling im Auge, wie es ihr Auftrag ist, obschon sie gefühlsmäßig eher Sybille folgen würde.

 

Walther sitzt mit Blanchefort im Wintergarten seiner Villa in Wien-Hietzing zusammen. Walter hört still dem zu, was Blanchefort ihm zu sagen hat. Es sind nicht bloß freundliche Worte. Blanchefort wirft Walter in ruhiger aber bestimmter Weise vor, die junge Agnes nicht frühzeitig in das Geheimnis eingeweiht zu haben. So befinde sie sich jetzt in höchster Gefahr, ohne davon eine Ahnung zu haben und ohne sich wehren zu können. Das sei unverantwortlich gegenüber diesem Mädchen – aber auch im Hinblick auf das Werk, die Belebung der „Figura” des Baphomet. Walther gibt Blanchefort in allem recht und versucht, sich zu entschuldigen, er habe die Dinge in der Tat nicht richtig eingeschätzt. Blanchefort akzeptiert die Ent-schuldigung, betont jedoch, von nun an dürften keine Fehler mehr unterlaufen. Die Figur des großen Baphomet sei bereit, alle oberen Brüder und Schwestern der Templer-Erbengemeinschaft würden bis morgen Mittag in Wien eingetroffen sein, so daß in der kommenden Nacht die Belebung des Baphomet stattfinden könne. Alles werde nun an Fräulein Agnes liegen! Sie allein besitze jetzt den Schlüssel zur baphometischen Kraft, denn sie sei die auserkorene weibliche Hälfte. Insofern habe Walther ausgezeichnete Arbeit geleistet. Jetzt aber heiße es, das Werk sicher zu vollenden. Dabei gelte es vor allem, die junge Agnes zu schützen. Der große Baphomet sei kaum in Gefahr. Falls überhaupt in der Blutgasse, würden die Gegner im falschen Haus nach ihm suchen. Aber die junge Frau befinde sich in Gefahr! Blanchefort fordert Walther in strengem Ton auf, sofort alles Nötige für deren vollkommene Sicherheit zu unternehmen. Walther bietet einen zerknirschten Eindruck und entwickelt zugleich allen Eifer, für Agnes´ Sicherheit alle irgendwie erdenklichen Maßnahmen zu ergreifen.

 

Die Frau namens Sybille verschafft sich unterdessen geschickt Einlaß zu jenem Pavillon der psychiatrischen Klinik, in dem sich Lydia befindet, und erreicht es auch, diese sprechen zu können. Sybille hat sich als eine Verwandte ausgegeben und zugleich als selbst erfahrene Ärztin. Beide Rollen spielt sie durchaus überzeugend. Da Lydia sich ruhig zeigt, erlaubt der behandelnde Arzt Sybille, einen kurzen Spaziergang im Park mit ihr zu machen. Darauf hatte die Frau namens Sybille abgezielt. Sie hat einen Leihwagen in der Nähe des Pavillons geparkt und schmuggelt Lydia nun ohne Schwierigkeiten aus dem Areal der psychiatrischen Klinik. Lydia ist sehr still. Sie verhält sich fügsam wie ein Wesen ohne eigne Persönlichkeit und ohne eigenen Willen. Lydias Verschwinden fällt zunächst nicht auf, und auch später hält man es nicht für nötig, Walther zu unterrichten.

 

Agnes sitzt am Tisch und hält sich die Hände vor das Gesicht. Sie läßt die Hände sinken. Tränen rinnen ihr über die Wangen. Agnes nimmt die beiden letzten noch vorhandenen Tabletten. Die Kopfschmerzen quälen sie immer mehr.

 

Agnes kann ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken. Sie dreht sich um, geht verzweifelt ein paarmal im Zimmer auf und ab und tritt dann vor den Spiegel. Sie macht den Zopf auf und bürstet Sie ihre Haare, und bei jedem Bürstenstrich zuckt sie vor Schmerzen zusammen. Agnes legt die Bürste aus Hand. Sie schüttelt den schmerzenden Kopf und wirft sich weinend auf ihr Bett.

 

Julietta sieht, wie zwei junge Männer an Kollings Tisch kommen, offensichtlich Gehilfen von ihm. Die Männer scheinen ohne Eile auf etwas zu warten. Julietta beschließt, das Zimmer der Schwarzmagirin Sybille zu suchen und zu inspizieren. Die Schwingung der feindlichen magischen Gegenstände, die sich vermutlich in Sybilles Zimmer befinden dürften, würde Julietta spüren und somit auch das richtige Zimmer finden. Es dauert eine Weile, bis ihr das in dem großen Haus gelingt. Dann steht sie vor einer Tür und ist sich sicher, es ist die richtige. Sie winkelt ihre Hände an, legt sie x-weise übereinander und so gegen die Tür, die dadurch aufspringt. Julietta huscht in Sybilles Zimmer. Schnell entdeckt sie deren schwarzmagische Utensilien und auch verschiedene mit Kohle gezeichnete Kreise. Julietta erkennt, was diese bedeuten. Sie ruft Blanchefort an und sagt ihm, Agnes sei in akuter Gefahr, man müsse sie unbedingt sofort holen und sie schützen. Julietta erklärt, welcher Art der Angriff gegen Agnes nach sein müsse was aus den gefundenen Unterlagen hervorgeht. So können umgehend Gegenmaßnahmen getroffen werden. Julietta wird selbst auch zur Villa kommen. Aber wie sie das Zimmer verlassen will, läuft sie Kollings beiden Helfern direkt in die Arme, denen Sybille mit der apathischen Lydia folgt. Sybille erkennt nun die Gegnerin. Sie befiehlt den beiden Männern, Julietta gut festzuhalten. Die beiden Gegnerinnen schauen einander in die Augen, Julietta ernst aber ohne Furcht, Sybille mit einem triumphierenden Lächeln. Sie geht um Julietta herum, betrachtet den großen Haarknoten in ihrem Nacken und sagt, Julietta werde jetzt gleich einen kurzen Haarschnitt bekommen. Julietta erwidert nichts. Kollings kräftige Männer halten sie an den Oberarmen fest, sie kann sich kaum bewegen. Sybille führt die willenlose Lydia ins Badezimmer und kommt dann mit einer Schere in der Hand wieder. Sie grinst Julietta an und sagt, gleich werde man wissen, wie sich eine Venustochter ohne ihre langen Haare fühle. Dann löst sie Julietta die Haare und will die Schere hineindrücken. Doch es geht nicht, das Metall kann Juliettas Haare nicht berühren, nicht verletzen, kein einziges Haar fällt. Statt dessen beginnen Juliettas Haare auf ganzer Länge rötlich zu leuchten. Dieses Leuchten erfaßt in sekundenschnelle Juliettas Körper. Die beiden Männer, die sie festgehalten hatten, werden nach beiden Seiten zu Boden geschleudert, Sybille stürzt mit wutverzerrtem Gesicht auf den Rücken. Sie starrt Julietta an und streckt beide Arme gegen sie aus. Gelbe und graue Schwaden scheinen aus ihren Handflächen zu quillen und auf Julietta zuzuschweben. Julietta verläßt den Raum. Draußen flicht sie im Gehen ihre Haare zu einem Zopf. Das rötliche Leuchten zieht sich zurück. Julietta nimmt das nächste Taxi zu läßt sich zu Walthers Villa fahren.

 

Agnes liegt noch weinend auf ihrem Bett, Das Telefon klingelt. sie eilt hin, als könne von dort Rettung kommen. Walther ist dran. Agnes erzählt ihm von den entsetzlichen Kopfschmerzen, die immer noch schlimmer würden. Sie wisse nicht mehr, was sie dagegen noch tun könne; denn ihre Haare zu schneiden, wie die Ärztin meine, das komme nicht in Frage. Walther beschwört Agnes, nichts Unüberlegtes zu tun; er werde gleich bei ihr sein und ihr auch sicher schnell helfen können! Agnes legt auf und wischt sich die Tränen ab und zieht sich schnell frisches ein Kleid an. Jede Bewegung bereitet ihr inzwischen Pein. Dann eilt sie vor die Haustür, um Walther zu erwarten. Der erscheint auch so schnell, daß er ohne Rücksicht auf jede Verkehrsregel gerast sein muß. Er bremst, springt aus dem Wagen und schließt die haltlos weinende Agnes in seine Arme. Dann geht es in rasender Fahrt zu seiner Villa.

 

Walther fährt über die Auffahrt bis unmittelbar vor den Eingang seiner Villa. Er steigt aus, eilt zur Beifahrertür und hilft Agnes beim Aussteigen. Agnes unterdrückt jetzt das Weinen, aber ihre Schmerzen sind so arg, daß sie taumelt und der Ohnmacht nahe ist. Walther trägt Agnes ins Haus. Blanchefort kommt ihnen bereits entgegen, sein Gesicht spiegelt höchste Besorgnis. Agnes hat das Bewußtsein verloren. Blanchefort betrachtet sie und sagt, dies sei wahrlich die schönste junge Frau, die er in diesem Jahrhundert gesehen habe; würdig, der weibliche Teil des Baphomet zu werden. Aber sie könne aufgrund des schwarz-magischen Angriffs sterben, wenn es nicht sofort gelinge, diesen abzuwehren. Blanchefort holt schnell einen Stein, der etwa Größe und Form eines plattgedrückten Eies hat und mit einem magischen Zeichen versehen ist. Blanchefort befielt Walther, irgendwo Feuer vorzubereiten oder auch eine Herdkockplatte in der Küche anzuheizen. Walther geht, um dies zu tun. Blanchefort streicht mit dem eiförmigen Stein wieder und wieder auf ganzer Länge durch Agnes´ Haare. Dabei zeigt sich der leichte Hauch eines mehrfarbigen Leuchtens. Bald schlägt Agnes die Augen auf. Sie erkennt Walther und sieht Blanchefort, der sich um sie bemüht. Der reicht Walther den Stein und ordnet an, er möge diesen jetzt in das Feuer werfen. Agnes tastet nach ihrem Kopf und nach ihren Haaren. Ihr Gesicht zeigt keine Spuren von Schmerz mehr. Agnes setzt sich im Sofa auf – die Schmerzen sind verschwunden, sie fühlt sich vollkommen wohl. Blanchefort hebt an, Agnes in das Geheimnis des Baphomet einzuweihen, noch ehe sie recht dazu kommt, sich für die Hilfe zu bedanken. Es ist offensichtlich nicht allein der Inhalt von Blancheforts Worten, sondern auch die Ausstrahlung, die von diesem ewig jung wirkenden alten Mann ausgeht, die Agnes jetzt alles andere vergessen läßt. Walther geht unterdessen in die Küche und legt den Stein in die Mitte der auf voller Kraft brennenden Flammen eines Gasherds. Inzwischen ist auch Julietta eingetroffen. Sie weiht Agnes in weitere Einzelheiten der Geheimnisse ein, besonders in solche, die aus der ganz und gar weiblichen Sicht verstanden werden müssen.

 

Sybille ist mit Lydia allein im Badezimmer. Plötzlich entfährt ihr ein Schmerzensschrei. Es ist, als ob eine unsichtbare Hand ihr den Kopf weit nach hinten reiße, so daß ihr Blick zur Decke gerichtet steht. Es ist die Decke des zu ihrem Hotelzimmer gehörenden Bades. Vor dem Spiegel steht Lydia. Sie  hat eines von Sybilles schwarzen Kleidern an, ist ordentlich frisiert und geschminkt. Lydia steht völlig still, sie scheint auch ihr eigenes Spiegelbild nicht zu erkennen. Sybille schafft es, ihren Kopf wieder aufzurichten. Sie befiehlt Lydia in herrischem Ton, ihr von drüben den kleinen Koffer mit ihren magischen Utensilien zu holen. Lydia tut es wie ein Automat. Sybille wird abermals den Kopf weit nach hinten gerissen. Sie scheint jetzt geballt von sämtlichen Schmerzen getroffen zu werden, die zuvor Agnes erduldet hatte. Mit Mühe richtet sie ihren Kopf wieder auf und befielt Lydia stöhnend, ihr das kleine Messer aus dem roten Koffer zu geben. Sich selbst solle sie die lange spitze Schere heraus nehmen. Jetzt müsse Lydia gehen, befielt Sybille, und damit ihre Schwester Agnes töten. Außerdem müsse sie dieser, vorher oder nachher, unbedingt die langen Haare abschneiden. Lydia nimmt automatenhaft die dolchspitze Schere und wendet sich um. Zwischen Schmerz-enslauten, stößt Sybille Flüche und unverständliche magische Formeln aus. Doch es hilft ihr nichts. Im Gegenteil, ihr Kopf wird durch eine unsichtbare Kraft gänzlich nach hinten gezerrt. Es ist abzusehen, daß Sybilles Genick brechen muß, falls diese Bewegung anhält. Sybille sticht sich mit ihrem Messer in die Hand, verschmiert das Blut auf der scharfen Klinge. Mit der blutenden Hand greift sie eine ihrer Locken, schneidet ab und läßt sie auf den Boden fallen. Doch der unsichtbare Griff biegt Sybilles Kopf vollends auf den Rücken.

Wie Lydia die Hotelzimmertür hinter sich schließt, ist aus dem Bad das Stürzen eines Körpers zu hören und das letzte Röcheln einer Person, deren Genick soeben gebrochen ist.

 

Agnes, Blanchefort und Walter sitzen gemütlich beisammen. Agnes hat mittlerweile eine Menge Merkwürdiges gehört und vieles verstanden: Der ”große Baphomet” ist etwa so zu begreifen wie eine mächtige Transforma-torenanlage, die jenseitige Schwingungen in diesseits wirksamwerdende umwandeln kann. Dazu aber ist es nötig, die göttlichen Lichtschwingungen von Weiblich und Männlich in der Figur zur Berührung zu bringen. Erst dadurch wird der „große Baphomet” aufgeladen – quasi „belebt” – und kann jenes erforderliche Ilu-Schwingungsbündel aussenden, aufgrund dessen die Lichtschwingungen nach dem Prinzip der Affinität herangezogen werden, welche sich dann über das Land und schließlich über die ganze Welt ausbreiten und ein neues Zeitalter bewirken: Das Zeitalter, in dem die lichte Göttin die Regentschaft übernimmt und den grausamen Bibelgott entthront... Agnes fragt Blanchefort, was genau ihre Aufgabe für den Baphomet sein werde. Blanchefort antwortet, es gebe zwei magische Kristalle. Der eine, der männliche, gehöre in den Sockel der Figur, und der andere, der weibliche, auf den Scheitel des Doppelhauptes. Damit die Verbindung zwischen diesen beiden Kristallen belebt werde und die Schwingung des Baphomet sich entfalten könne, müsse eine dafür besonders geeignete Frau die beiden Kristalle durch ihre Haare miteinander verbinden. Dazu sei aber eine sehr große Haarlänge notwendig, denn allein dann könnten die Kraftströme in ausreichendem Maße fließen. Also, spricht Blanchefort weiter, müsse Agnes den männlichen Kristall in die Enden ihrer Haare hineinhalten. Dieser werde Garil genannt. Als den Gral hätten ihn einst viele gesucht. Den weiblichen Kristall, der Ilua genannt werde, müsse sie auf Brusthöhe in ihre Haare halten. Dann werde sie – Kraft ihres Willens – ein Bild, das Bildnis der Göttin, in ihre Gedanken aufnehmen und somit für die jenseitige Welt sichtbar machen. Wenn dies gelungen sei, werde sie eine angenehm Wärme durch ihren ganzen Körper strömen spüren, auch durch ihre Haare. In diesem geistigen wie körperlichen Zustand müsse sie die beiden Kristalle an die richtigen Plätze der Baphomet-Figur fügen. Damit sei das Werk für den Baphomet getan, der erste Teil ihrer Mission. Die Kraft des Baphomet werde in ihr bleiben und ihr große Macht verleihen. Sie werde von da an unverwundbar sein, auch ihre Haare könnten nicht geschnitten werden. Der zweite Teil ihrer Mission werde sie dann doppelt unsterblich machen. Das bedeute, sie werde nicht nur das ewige Leben im Jenseits haben, wie alle, sondern auch irdisch unsterblich sein. Agnes fragt, wer denn die männliche Hälfte des Baphomet sei und was der zweite Teil ihrer Mission. Blanchefort antwortet mit einem Lächeln, das sei der doppelt unsterbliche Kontur, den Wissende auch den ersten der Einherier nennen - sonst habe er in dieser Welt zurzeit keinen Namen, obschon er früher bereits Namen besaß. Erst durch sie, Agnes, werde er wieder einen irdischen Namen erhalten. Auf ihn beziehe sich der zweite Teil ihrer Mission. Denn mit dem Einherier solle sie unter dem Bildnis der Göttin den Liebesakt vollziehen! Von dieser Eröffnung ist Agnes zunächst schockiert. Sie solle mit einem Mann schlafen, den sie nicht liebe, den sie nicht einmal kenne? So sei das nicht, versichert Blanchefort. Den Mann, der dann erscheinen werde, den Unsterblichen, werde sie kennen – erkennen – und sie werde lieben vom ersten Augenblick an! Denn es sei ihr Gemahl aus ewiger Ehe, jener, der ihr bestimmt ist von allem Anfange her, ihr Geliebter und Gatte aus ewigem Recht. In den Strahlen der Göttin, die dem Licht der Morgenröte gleichen, werde sie ihn sehen, erkennen und lieben. Dadurch werde sie ihm gleichsam den wahren Weg in das Diesseits bahnen – und für sich selbst die unverletzliche doppelte Unsterblichkeit gewinnen. Sie werde diesen Mann, der dann irdisch erscheine, nach allem Gesetz dieser Welt heiraten. Mit ihm zusammen werde sie Kinder zeugen und Macht und Einfluß erringen – und schließlich neben ihm auf dem Thron der Cäsaren sitzen, um diese Welt in reinem Licht zu regieren! Ein neues Cäsarengeschlecht werde durch sie erstehen! Dies sei das Ziel – und es werde gelingen! Agnes schaut den alten Mann nachdenklich an und meint, wenn sie ihre Haare nicht so lang hätte, würde ihr all dies nie begegnet sein? Blanchefort erwidert, es sei ihr Wesen, so zu sein wie sie ist! Anders könne sie gar nicht sein. Darin liege eben ihre besondere frauliche Stärke. Denn allein eine Frau von rein weiblicher Schwingung sei berufen, die Braut des Baphomet zu sein – und die Gattin des neuen Kaisers! Noch in dieser Nacht, fügt Blanchefort hinzu, solle sie zunächst den großen Baphomet sehen und dessen Strahlung erfühlen können. Dabei wirft er Walther einen Blick zu, und dieser nickt sogleich. Dann er sagt zu Agnes, sie werde von jetzt an hier wohnen. Da Agnes zu einer widersprechenden Geste ansetzt, fügt Walther hinzu, wenigstens für die nächsten Tage. Agnes ist schließlich einverstanden. Es wird beschlossen, daß sie einige Sachen aus ihrer Wohnung holen werde, wobei, wie Blanchefort verlangt, Walther sie begleiten und keinen Augenblick allein lassen werde. Nachher wolle man sich wieder treffen, und dann solle Agnes den großen Baphomet sehen. Blanchefort küßt Agnes auf die Stirn. Dann ermahnt er Walther abermals, allerhöchste Acht auf sie zu geben. Walther versichert, alles zu tun. Er steckt für alle Fälle seine Pistole ein, und fährt dann mit Agnes zu deren Wohnung.

 

Blanchefort und Julietta begeben sich unterdessen mit einem Taxi zum Haus in der Blutgasse. Sie benutzen wieder den geheimen Gang. Vor dem steinernen Altar der Göttin ist ein purpurfarbenes Lager bereitet. Julietta löst ihre Haare auf. Wieder leuchtet ein rötliches Strahlen aus ihnen, dem Morgenrot ähnlich, und umfängt bald sie beide. Bei Blanchefort tritt abermals die Verjüngung ein. Bald stehen sie einander unbekleidet gegenüber. Ihrer beider Körper sind jung und strahlend schön, das rötliche Licht liegt auf ihrer Haut wie Gewänder aus hauchfeiner Seide. Sie sind sehr ernst. Nun, so sagt Blanchefort, werde er also den Platz freimachen für den ersten unter den Einheriern, den neuen Kaiser. Danach werde er die weite Wanderung antreten durch das Grüne Land im Jenseits und viele jenseitige Welten, bis in das Reich des ewigen Lichts, so die Götter ihm dessen Tor wollten öffnen wollten. Und sie, spricht Julietta, werde zurückkehren in die Welt der ewigen Morgenröte, in das Reich ihrer Mutter Venus. Gemeinsam würden sie nun in dieser Welt vergehen – um drüben neu zu erstehen. Sie umarmen einander und lasse sich auf das Lager sinken. Ihre Leiber vereinigen sich ein letztesmal im irdischen Liebesakt. Alle anderen Anwesenden wenden sich unterdessen um.

 

Lydia geht durch die Straßen der abendlichen Innenstadt. Es gibt nichts an ihr, was anderen Fußgängern besonders auffallen könnte. Höchstens, das sie sich sehr langsam bewegt und sonderbar gleichmäßig. Lydia geht durch die Straße, in der Agnes wohnt und in das betreffende Haus hinein.

 

Im Hotelzimmer der Frau namens Sybille brennt Licht. Aber es gibt kein Antworten auf das Klopfen an der Tür. Sie öffnet sich, und Kolling tritt ein. Er ruft Sybilles Namen und geht zur offenen Tür des Badezimmers. Wie er Sybilles Leiche am Boden liegen sieht, gibt er ein paar ebenso verärgerte wie pietätlose Worte von sich. Er greift gleich nach seinem Handy und ruft seinen Mitarbeiter an, dieser solle sofort kommen, es gäbe etwas Unnützes zu beseitigen. Um die Lösung des Problems, bei der diese Sybille kläglich versagt habe, müsse er sich jetzt auf konventionelle Art selber kümmern.

 

Lydia steht stumm und starr einige Stufen oben auf der Treppe gegenüber von Agnes´ Wohnungstür. Auch als der schwache Schein des Minutenlichts der Treppenhausbeleuchtung angeht, ist sie kaum zu sehen, wenn man nicht sehr genau hinschaut. Die Stimmen und Schritte von Agnes und Walther werden hörbar. Lydia bleibt gänzlich reglos. In einer Hand hält sie die lange spitze Schere wie einen Dolch. Agnes und Walther erreichen die Wohnungstür. Agnes schließt auf, und beide gehen hinein. Lydias Augen verfolgen, was sie sehen, sonst ist an ihr nicht die geringste Bewegung.

 

In der Wohnung hilft Walter Agnes dabei, ein paar unentbehrliche Dinge in eine Reisetasche zu packen. Agnes versucht Walther in Freundschaft klarzumachen, daß sie nicht auf Dauer in das Haus des Verlobten ihrer Schwester einziehen werde; schon gar nicht, während diese krank sei. Walther möchte darüber jetzt keine Debatte führen, er nimmt auf Agnes´ Gefühle und Anschauungen jede Rücksicht.

 

Vor der Tür hat Lydia unterdessen ihre Position verändert. Das Minutenlicht im Treppenhaus ist ausgegangen. Es herrscht Dunkelheit. Der Lichtschalter ist ein paar Schritte von der Wohnungstür entfernt. Lydia steht dicht neben der Wohnungstür. Die Wohnungstür öffnet sich. Zuerst kommt Walther mit der Reisetasche. Er sucht nach dem Lichtschalter und kann ihn nicht finden. Agnes kommt und schließt die Tür. Lydia steht unmittelbar neben ihr in der Dunkelheit. Die schlanke spitze Schere hält sie geschlossen und stoßbereit wie einen Dolch in der Faust. Wie Agnes den Kopf neigt, um den Schlüssel ins Türschloß zu stecken, bietet sie für einen Moment ihren Nacken dar. Die Klingen der Schere in Lydias Hand gehen auseinander und richten sich auf die Stelle über dem Band, das Agnes´ Haare zu einem Schweif lose zusammenhält. Dieses Band hat sich, wie so oft, stark gelockert. Agnes zieht es mit einer gewohnten schnelle Bewegung heraus und bindet ihre Haare wieder fester zusammen. Der schwere Haarschweif gleitet ihr vor die Schulter. Das irritiert die verwirrte Lydia. Sie zögert, holt dann doch mit der offenen Schere zum Stich in Agnes´ Rücken aus. Doch schon hat Agnes zugeschlossen, wendet sich schnell um und ist mit zwei Schritten bei dem auf sie wartenden Walther. Als Lydia die Schere zudrückt, ist Agnes mit Walter schon fast ein ganzes Stockwerk tiefer. Die beiden gehen die Treppe hinunter und verlassen das Haus, ohne Lydia bemerkt zu haben.

 

Lydia bleibt oben still stehen. Die Klingen der Schere haben sie wieder gänzlich geschlossen. Zu schnellen Bewegungen ist Lydia in ihrem jetzigen, durch Psychopharmaka und Sybilles Hypnose beeinflußten Zustand nicht fähig. Sie packt die Schere erneut wie einen Dolch.

 

Es ist eine laue Sommernacht, in der auch die ein wenig unheimlich anmutende Blutgasse nicht frei von Spaziergängern ist. Kolling kann nicht zu diesen gezählt werden. Er hat einen anderen Grund, zufuß dorthin unterwegs zu sein. Gleiches gilt für Lydia, die mit sich mit langsamen Schritten, aber doch in sonderbar zielstrebiger Weise, der Blutgasse nähert.

 

Blanchefort begrüßt Agnes und Walther vor dem Eingang gegenüber des ehemaligen Templerhauses, jenes Hauses, daß Walther gekauft  und in dem er Lydia die Atelierwohnung eingerichtet hat. Julietta ist in Walthers Villa geblieben, um die ersten eintreffenden Ordebnsmitglieder zu begrüßen. Agnes zeigt sich zunächst ein wenig verwundert, folgt aber den beiden Männern. Der Weg führt in den Keller. Walter schließt eine Tür auf und knipst Licht an. Es geht eine steinerne Treppe hinunter in ein zweites Kellergeschoß. Walther schließt abermals eine Tür auf und macht Licht. Sie befinden sich nun in jenem großen unterirdischen Gewölbe, unter dessen Boden der große Baphomet auf seine Stunde wartet. Das Standbild der Göttin und der Altar sind durch dunkle Tücher verhüllt und kaum zu bemerken. Blanchefort erklärt Agnes, der Bruder Walther (wie er diesen jetzt nennt), habe im Namen der Erbengemeinschaft der Tempelritter dieses Haus gekauft, weil es schon in alter Zeit Eigentum des Ordens gewesen sei – wenngleich durch einen Strohmann, wie man heutzutage sagen würde. Und während in dem offiziellen Ordenshaus gegenüber allein die größeren Versammlungen abgehalten worden seien und ansonsten als Kontor benutzt worden sei, habe dieses Haus hier oft die wichtigsten Heiligtümer beherbergt. Mitunter seien diese dann zu bestimmten Anlässen durch einen unterirdischen Gang hinüber getragen, doch anschließend immer gleich wieder hierher zurück gebracht worden; vor allem der große Baphomet. Nur wenige Eingeweihte des innersten Kreises hätten um dieses Geheimnis gewußt. Denn es sei schon damals eine besondere Sektion des Ordens gewesen, von deren Hintergründen nur wenige wußten. Jetzt sei die Zeit gekommen, die lichtbringenden Kräfte des Baphomet zu erwecken – und damit gleichsam der Göttin des Lichts den Weg zur Herrschaft  zu ebnen. Das grausame Regime des biblischen Gottes werde damit enden. Statt Krieg, Haß und Gewalt werde eine Ära des Herzens kommen... Denn die Göttin kenne weder Haß noch Neid, keinen Eifer und keine Habsucht... Er betätigt den verborgenen Mechanismus; und der nun unverhüllte Baphomet erhebt sich strahlend aus dem Boden. Er zeigt Agnes seine beiden Profile; das weibliche und das männliche, zugleich. Fasziniert schaut Agnes die goldene Figur an und geht dann auf sie zu, als vernehme sie einen für das diesseitige Ohr unhörbaren Ruf. Blanchefort und Walther lassen Agnes allein zum großen Baphomet gehen; sie verharren am Rande des Gewölbes. Doch Blanchefort erklärt weiter mit seiner wohltuend ruhigen Stimme: Morgen früh würden sie den Kristall für die weiblichen Schwingungen aus seinem Versteck am Fuße des Untersbergs holen, ebenjenen Kristall, nach dem so vergeblich gesucht hatten: Den Ilua, das weibliche Gegenstück des Garil, des Grals. In der morgigen Nacht sodann werde Agnes den weiblichen Teil des Baphomet beleben und dessen Kraft erwecken. Sie werde damit zur Herrin über alle Getreuen werden und zur Sachwalterin der Göttin im Diesseits. Sie werde somit alle Fähigkeiten besitzen – diesseits und jenseits der verschiedenen Welten... Agnes ist bis dicht an den Sockel herangetreten. Sie blickt unentwegt den Baphomet an und löst dabei ihre Haare auf, als habe sie von irgendwo eine Bitte darum vernommen. Da beginnt der Baphomet von innen heraus zu leuchten. Langsam dreht er sich und zeigt nun statt seiner beiden Profile frontal sein weibliches Gesicht – es ist Agnes´ Gesicht!

 

Dicht vor dem Haus parkt Walthers Wagen. Von einem schräg gegenüber liegenden Hauseingang her beobachtet Kolling das Auto und die Tür des Hauses. Die an seinem Körper herabhängende rechte Hand hält unauffällig eine mit Schalldämpfer versehene Pistole. Kolling sieht Lydia kommen und in das Haus gehen, ohne dem eine Bedeutung beizumessen. Er hat sie nie persönlich gesehen.

 

Lydia geht ein paar Stufen die Treppe hinauf. Dann vernimmt sie Geräusche. Sie bleibt stehen. Im Hausflur brennt kein Licht. Durch die beiden Glasscheiben der Haustür fällt der Schein von Straßenlaternen und Mondlicht. Das scheint den vom Keller her Kommenden zu genügen. Sie sprechen leise miteinander. Lydia wendet langsam den Kopf. Sie nimmt Blanchefort, Walther und Agnes wahr. Agnes´ Anblick scheint Lydia an die womöglich schon vergessene Schere zu erinnern, die sie bei sich trägt. Sie zieht sie hervor, nimmt sie wie einen Dolch in die Faust und wartet still. Gleich muß Agnes dicht an dem Treppengeländer vorüber kommen, durch dessen weit auseinandersetehende Sprossen ein Dolchstoß mit der großen Schere sie nicht verfehlen könnte. Die drei kommen näher. Ein kurzes Zittern schüttelt Lydia. Für den Bruchteil einer Sekunde schien das Begreifen in sie zurückgekehrt und doch sofort wieder entwichen zu sein. Die drei im Hausflur gehen sehr langsam, sie sprechen leise miteinander. Unmittelbar dort, wo Lydia kauert, verzögern die drei wieder ihre Schritte, bleiben für einen Moment sogar stehen. Agnes und Walther lauschen einigen erläuternden Worten Blancheforts. Es sagt, überall sei jetzt noch die Macht der Finsternis zu fürchten, sogar an diesem Ort. Erst morgen um diese Zeit könnten sie alle sich sicher fühlen. Agnes steht dicht beim Treppengeländer und wendet der im Dunklen nicht wahrnehmbaren Lydia den Rücken zu. Allerdings zwei Treppenstufen zu weit, als daß Lydia einen Dolchstoß gehen sie führen könnte. Etwas scheint sie zu durchzucken und sie die Lage erkennen zu lassen. Lydia läßt die Dolchfaust sinken. Statt dessen öffnet sie die Schneiden der Schere und reckt ihren Arm auf Agnes‘ Nacken und die offenen Haare zielend. Alter persönlicher Neid wird in Lydia wach und vermischt sich mit dem unbewußten Auftrag, die Mission der Baphometbraut zu zerstören. Denn nur jetzt ist der Gestirnenstand für die Belebung des Baphomet günstig, jetzt, da die Venus, der Stern der Göttin und die Schwingungsschleuse zum lichten Jenseits, sich weit öffnen kann. Die Haare der einen jungen Frau dort, die Agnes heißt, werden über ein kosmisches Zeitalter entscheiden. Es ist ein Kampf zwischen Licht und Finsternis. Die Finsternis scheint im Vorteil zu sein. Agnes wendet sich ein wenig. Im nächsten Moment muß die Schere in Lydias Hand die Aschblonden Haare der Schwester, die geöffneten Klingen zielen auf ihren Nacken. In Lydias Augen blitzen irre Lichter. Einen Augenblicke nur steht Agnes still an diesem Fleck. Als ob sie dann ganz plötzlich etwas spürte, wechselt sie unvermittelt ihren Platz und tritt zu Blanchefort auf die andere Seite. Erschlafft zieht Lydia die Schere zurück und nimmt sie erneut als Dolch. In diesem Augenblick meint Blanchefort, es gehöre sich, daß die Dame zwischen den beiden Herren gehe! Er und Walther nehmen Agnes in die Mitte, sie verlassen das Haus.

 

Lydia bringt diese neue Lage im Zustand ihrer eingeschränkten Denkfähigkeit durcheinander. Sie senkt den Blick geistesabwesend auf die Schere, als rätsele sie, was das für ein Ding sei und wie es in ihre Hände komme. Dann scheint es ihr doch wieder einzufallen. Sie folgt den dreien. Blanchefort, Agnes und Walther verlassen das Haus und gehen über die Gasse zu Walthers Wagen. 

Kolling weiß genau was er will. Sein Hauptproblem ist die schlechte Visiermöglichkeit über einen Schalldämpfer. Ein zweites, ganz unerwartetes Problem kommt gerade aus Haus: Lydia. Diese läuft mit unsicheren, aber nun schneller werdenden Schritten von hinten auf Agnes zu. Etwas scheint sie anzutreiben, ihre Bewegungen noch beschleunigen zu können. Blanchefort, der Lydia nicht kennt, aber sofort den Angriff begreift, sieht sie als erster von den dreien. Doch er befindet sich auf der anderen Seite des breiten Wagens und kann nur warnend rufen. Agnes und Walther drehen sich um. Lydia war schon so dicht herangekommen, daß sie nach einem weiteren Schritt Agnes hätte packen können. Doch sie hält plötzlich inne. Walther will sofort eingreifen, aber Agnes hält ihn durch eine Geste zurück. Die beiden Schwestern stehen sich gegenüber. Lydia treten Tränen in die Augen. Die Schwestern fallen einander weinend in die Arme. In diesem Moment schießt Kolling zweimal. Lydia gerät ihm genau in die Schußlinie. Zwei für Agnes bestimmte Kugeln treffen Lydia in den Rücken; sie wird schwer verletzt. Agnes erkennt den Platz, an dem Kolling steht, und flüstert in die warme Nachtluft, niemals mehr solle dieser Mann die Hand bewegen können, mit der er diese Schüsse abgegeben habe! Aus dem Hauseingang, in dem Kolling steht, erklingt ein irrwitziger Schrei. Kolling kommt von selber aus seiner Deckung. Die Pistole ist ihm aus der rechten Hand geglitten, und diese Hand weit vorgestreckt haltend, kommt er nun über die Gasse. Er wirkt verwirrt und hilflos wie ein armer Schwachsinniger. Blanchefort erkennt die Lage und gibt Walter dessen Waffe zurück. Der ruft über das Autotelefon Sanitäter und Polizei. Dann schaut er nach Lydia und geht zu Agnes, um sie zu beruhigen. Aber sie bietet einen durchaus starken Eindruck. Blanchefort habe ihr soeben erklärt, sagt sie, schon übermorgen werde sie Lydia von ”drüben” aus helfen können. Ihre Schwester werde wieder gesund werden. Blanchefort, der dies hört, nickt ihr bekräftigend zu. Mittlerweile kommen Polizei und Rettungswagen. Der Notarzt kann soviel sagen, daß Lydia überleben wird. Sie ist jetzt im Geiste wieder völlig klar.

 

Im Gebäude der Bundespolizeidirektion wird Edward Kolling von einem uniformierten Polizeibeamten und zwei weißbekittelten Krankenpflegern über einen Gang abgeführt. Kolling streckt immerzu seine starre rechte Hand vor und stammelt lauter wirre Worte.

 

Zwei Männer betreten nach höflichem Anklopfen das guteingerichtete Büro des diese Dienststelle leitenden Hofrats. Einer der Männer ist ein Ermittler der Staatspolitzei, der andere Polizeiarzt. Der Arzt behauptet, Kolling simuliere keineswegs, in seiner rechten Hand gäbe es keinerlei Blutzirkulation, sie werde bald trocken wie ein dürrer Ast sein. Überdies halte er auch den Irrsinn nicht für vorgetäuscht. Den Ermittler scheint diese Auskunft zu verärgern. Er jedenfalls, betont, er  werde sich diesen Widerling Kolling nicht von Psychiatern wegschnappen lassen – jetzt, wo man ihn endlich einmal fest im Griff habe: Ein Mordversuch auf offener Straße, dann noch eine Frau mit gebrochenem Genick im Kofferraum seines Wagens in der Hotelgarage, und die Berliner Kollegen würfen ihm außerdem Anstiftung zum Mord an einem Wissenschaftler namens Dr. Arnold Wendelin vor. Dieser Kolling dürfe sich nicht mit der Masche Unzu-rechnungsfähigkeit davonstehlen! Welche guten Drähte der in gewisse Kreise habe, sei ja kein Geheimnis. Und wenn mag schon die Hintermänner nicht kriege, so wenigsten diesen Kolling! Der Hofrat versichert, auch er habe höchstes Interesse daran, daß dieser Verbrecher nicht wieder freikomme. Jetzt sei aber nichts anderes möglich, als ihn erst einmal sicher in der Psychiatrie unterzubringen. Der Ermittler wirft nochmals ein, alle diese Geschichten von angeblichen esoterischen Geheimbünden, die Kolling ihnen aufzutischen versucht habe, seien blanker Unsinn und zielten eben bloß auf den Trick mit der Unzurechnungsfähigkeit ab. Der Hofrat stimmt zu, diese Sache mit den Geheimbünden sei sicherlich Unsinn, dergleichen gäbe es vermutlich gar nicht. Er versichert abermals, er werde dafür sorgen, daß Kolling nicht wieder auf freien Fuß komme, jedenfalls nicht in den nächsten dreißig Jahren. – Für heute aber bitte er die Kollegen, ihn zu entschuldigen, er habe sich für die zweite Hälfte des Tages frei genommen – ein Familienfest! Der Ermittler und der Arzt verabschieden sich von dem Hofrat – der Hofrat ist  Dr. Walther Goetinger-Wergenheim. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt das Bild vom Baphomet.

 

Walter verläßt seine Dienststelle. Es ist ein schöner sonniger Nachmittag. In der Nebenfahrbahn beim Deutschmeisterplatz wartet Agnes am Steuer von Walthers Wagen. Walther steigt ein, sie begrüßen sich und Agnes fährt vor bis zum Café Prückel. Dort steigt Blanchefort zu. Sie fahren Auf die Westautobahn in Richtung Salzburg.

 

Agnes berichtet, in Walthers Haus hätten sich unterdessen die erwarteten Gäste eingefunden, um die Julietta sich kümmere. Im übrigen kennten die meisten der Gäste sich ja sehr gut aus, auch wenn viele von allen Himmelsrichtungen her stammten. Dann fragt sie, ob es weiterhin gelte, auf der Hut vor irgendwelchen Attacken zu sein – von welcher Seite auch immer. Blanchefort erwidert, so lange der große Baphomet noch nicht belebt sei, bestünde allerorten Gefahr. Erst wenn das Welk gelungen sei, könne und werde die Göttin sie und alle Menschen guten Willens schützen. Er rechne jedoch nicht damit, ergänzt Blanchefort, daß ihnen jetzt noch ein Unheil drohe; denn die Kraft des Baphomet habe Agnes bereits erkannt, und so lange Agnes´ „magische Saiten”, also ihre Haare, nicht verletzt würden, seien sie und das Werk nun wohl sicher. Falls dennoch ein weiterer Angriff der Gegenseite vorstellbar sei, so höchstens direkt durch schwarze Mächte von finsteren Jenseitszonen her.

 

Die drei fahren nach Salzburg und dort über die bayerische Grenze bis in einen winzigen Ort, der unmittelbar am Fuße des sagenumwobenen Untersbergs liegt. Während der Fahrt erzählt Blanchefort, daß vor vielen Jahrhun-derten hier ihre Vorfahren einen streng geheimen Sitz gehabt hatten und hier auch jener Kristall verborgen liege, den es nun für die Belebung des Baphomet zu holen gelte. Vor Jahrhunderten hatte die göttliche Isais jenen magischen Stein gebracht.

Agnes; noch immer bewacht und behütet er sie wie ein gewissenhafter Leibwächter. In ihrer Wohnung hilft Walther, einige Koffer zu packen. Agnes hat ein langes Kleid aus lachsroter Seide mit Silberstickerei. Ein Geschenk von Walther. Das will sie für den Baphomet anziehen. Sie begibt sich damit in ihr kleines Badezimmer. Während sie sich umzieht, überfällt sie plötzlich ein leichtes Schwindligkeitsgefühl. Und es kommt ihr auf einmal so vor, als ob die beiden Lampen einen gelblichen Schein von sich gäben. Das kleine Bad hat keine Fenster, so daß das Licht nun überall gelblich wirkt. Agnes wird sonderbar zumute, ohne daß sie sich selbst erklären könnte, wieso. Sie ist mit dem Umkleiden fertig. Sie legt noch ein dunkelrotes Kehlband an und bindet ihre Haare mit einem dunkelroten Samtband zusammen. Agnes betrachtet sich im Spiegel. Auch das Glas des Spiegels scheint jetzt gelb zu sein. Sie zupft an dem Kehlband herum. Dann überprüft sie nochmals den Sitz des Haarbands im Nacken und wiederholt dies gleich abermals. Sie weiß nicht, warum sie das tut, und es kommt ihr so vor, als mache das Spiegelbild alle Bewegungen  vor, ehe sie selber sie tue. Nun  greift das Spiegelbild wieder nach hinten, und Agnes Hände tun es auch. Eine ihrer Hände bleibt an dem Haarband, die andere wandert wieder nach vorn. Mit dieser öffnet das Spiegelbild jetzt das Sanitätskästchen. Es steht noch da, weil Agnes darin nach Kopfschmerztabletten gesucht hatte. Darin liegen auch Verbandsstoffe und eine Schere. Das Spiegelbild greift nach der Schere, und Agnes Hand nimmt sie aus dem Kästchen. Agnes fällt  auf, daß das Spiegelbild ein schwarzes Kleid an hat – und auch gar nicht mehr sie zeigt, sondern eine andere Frau (nämlich Sybille). Agnes will die Schere fallen lassen, aber ihre Hand gehorcht ihr nicht. Das Spiegelbild hebt die Schere gegen ihre Kehle. Agnes´ Hand macht die Bewegung des Spiegelbilds nach, wenn auch viel langsamer. Agnes überkommt würgende Panik. Agnes schafft es durch ihren Willen, den Stoß gegen ihre Kehle zu stoppen. Das Spiegelbild blickt zornig. Es hebt die Schere nun über ihren Kopf, klappt die Schneiden auf und senkt sie von oben auf die hinten zusammengebundenen Haare. Auch Agnes‘ Hand führt jetzt die Schere nach hinten, jedoch ohne sie aufzuklappen. Agnes möchte laut schreien, Walther zu Hilfe rufen, aber sie kann nicht. Das kleine Badezimmer scheint jetzt kein Bestandteil der diesseitigen Welt mehr zu sein. Graue und gelbliche Nebelschwaden breiten sich darin aus. Agnes nimmt all ihre Willenskräfte zusammen, um die durch das falsche Spiegelbild erzwungene Bewegung zu beenden. Agnes bemerkt, daß ihre Kräfte wachsen. Das Spiegelbild hat die Hand mit der Schere schon ganz in den Nacken gesenkt, Es grinst aus dem gelben Spiegelglas. Agnes aber schafft es, die Hand mit der Schere wieder nach vorne und weg von ihren Haaren zu zwingen. Agnes hat die Schere wieder ganz nach vorn gebracht. Agnes schöpft Mut. Sie sieht das falsche Spiegelbild böse lächeln. Es führt die Schere jetzt erneut an die Kehle und beginnt, zu Agnes zu sprechen, in dem es ihr einen Gedanken sendet, der sagt: Noch sei sie nicht Teil des Baphomet, noch habe sie nicht die Kraft der Göttin! Doch Agnes fühlt deutlich, daß die Kraft des bösen Bilds im Spiegel schwindet und ihre eigene schnell zunimmt. Das Bildnis der Göttin kommt Agnes in den Sinn. Eine ihrer Hände liegt noch immer an dem dunkelroten Samtband in ihrem Nacken. Sie zieht es heraus und macht die Haare auf. Mit der anderen Hand kann sie jetzt die Schere weglegen. Das feindliche Bild im Spiegel weicht zurück. Der graugelbe Nebel verschlingt die Wände des Badezimmers; auch der Spiegel ist verschwunden. Agnes steht in einem grenzenlosen Raum ohne Oben und ohne Unten. Die feindliche Gestalt weicht weiter zurück, in immer dichtere und dunklere Nebelschwaden hinein, in denen Schemen weiterer Gestalten lauern. Hinter Agnes steigt nun ein hellgrünes Licht auf, das sich bald in ein rosafarbenes umwandelt – wie ein Schein der Morgenröte. Aus Agnes´ Haaren beginnt in helles Violett zu leuchten, dem sich bald ein rostrotes Strahlen vom Scheitel und von den Haarspitzen her hinzufügt. Agnes hat jede Furcht verloren. Mit langsamen Schritten geht sie auf die feindliche Gestalt und die diese jetzt umringenden Schemen zu. Plötzlich fällt der Körper der schwarzgekleideten Frau wie eine tote Schale von der Gestalt ab, und Agnes steht einem Etwas gegenüber, das wie ein häßlicher Mann aussieht, dessen Körper aus dunklem, brodelndem Lehm besteht und keine feste Form hat. Dieses Etwas reckt seine dunkelgrau dampfenden Arme gegen sie aus und löst sich dann in grauen Dunst auf. Das helle Leuchten aus Agnes´ Haaren und das rosa Licht hinter ihr treiben die grauen und gelben Nebelschwaden und deren Dämonen immer weiter zurück. Bald überschaut Agnes ein malerisches Land, über dem ein ewiges Morgenrot zu strahlen scheint. In einer Hand hält sie noch das dunkelrote Samtband. Agnes bindet sich die Haare wieder zusammen. Agnes steht in ihrem Badezimmer vor dem Spiegel. Die Lampen geben wieder ihr normales Licht, Im Waschbecken verfliegt grauer Dampf. Auch der Spiegel wird frei von jeglicher gelben oder grauen Färbung und zeigt Agnes´ eigenes, richtiges Spiegelbild. Agnes fühlt sich stark und wohlauf. Sie spürt, in einem letzten Kampf gesiegt zu haben, der womöglich nur wenige Augenblicke gedauert hatte, und doch entscheidend gewesen war. Gut gestimmt, begibt sie sich zu Walther. Der hat inzwischen fertig gepackt, und es geht nach Wien-Hietzing.

 

Agnes hat in Walthers Haus nun die Rolle der Gastgeberin zu erfüllen. Julietta ist bereits in der Grotte des Baphomet und trifft Vorbereitungen. Die Gäste sind durch Blanchefort über sie unterrichtet. Außer Deutsch, Italienisch und Französisch ist auch Schwedisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Ungarisch, Kroatisch und manches mehr zu hören. In einem geeigneten Augenblick erzählt Agnes Blanchefort im Vertrauen von dem Ereignis im Badezimmer ihrer Wohnung. Blanchefort erblaßte zunächst beinahe vor Entsetzen. Er weiß ganz genau, in welch großer Gefahr Agnes – und mit ihr das ganze Werk – geschwebt hat. Das die Macht der Finsternis so nahe sei, hätte selbst er nicht vermutet, gibt Blanchefort zu und bereitet sich Vorwürfe. Dann aber sagt er, Agnes habe den schwersten Kampf bestanden, und das sogar schon ehe sie die hohen Kräfte erhalten habe. Sie habe, ohne es zu ahnen, Nebelheim betreten, jene von der Höllenmacht dominierte Sphäre, welche die irdische durchdringe. Dort habe sie mit dem Fürsten der Finsternis selbst den Kampf des höheren Willens ausgetragen – und gesiegt! Denn danach war das „grüne Land“ vor ihr erschienen – und sogar die Welt der ewigen Morgenröte, das Reich der Göttin des selbst! Nur wenige wüßten zu ermessen, wie schwer und bedeutungsvoll dieser Sieg sei! Der erste der Einherier, würde zurecht gerade sie lieben. Nun sei gewiß, daß nichts mehr sie anzugreifen vermöchte, weder im Diesseits noch vom Jenseits aus. In dieser Nacht, so sagt er mit spürbarer Freude im Herzen, werde durch Agnes eine neue Lichtzeit beginnen. Blanchefort, dieser würdevolle alte Herr, verneigt sich vor der jungen Agnes und küßt ihr die Hand.

 

Um Mitternacht in der weiträumigen Grotte des großen Baphomet. Statt des elektrischen Lichts, geben jetzt zahlreiche Kerzen rötlich schimmernde Flammen in hängenden Ölschalen eine helle Beleuchtung. Etwa zwei Dutzend Männer und Frauen stehen um die enthüllte Baphomet-Figur versammelt. Die Männer tragen lachsrote Umhänge mit silbernen Lilien darauf, die Frauen aber lange lachsrote Kleider mit Silberstickerei; ihre Haare sind vor der linken Schulter zu Schweifen gebunden. Blanchefort und Agnes stehen bei dem Altar der Göttin. Auf diesem Altar liegen die beiden Kristalle des Baphomet, der männliche und der weibliche. Blanchefort spricht mit ruhiger Stimme, jetzt nun breche die neue Zeit an, jene Zeit, da die schwarze Farbe der Trauer gegen die Farbe des Morgenrots ausgetauscht werde, weil ein neues Zeitalter aufsteigt. Statt der blutroten Kreuze aber erhebe sich jetzt die silberne Lilie der Venus. Wenn alles vollendet sein werde, dann würden Weiß und Gold alles beherrschen, und die Frauen würden ihr Haar immer offen tragen. Heute werde der große Baphomet belebt werden durch die würdigste Frau; der Baphomet habe sich diese Braut selbst erwählt, der ihm innewohnende Geist seine Gattin aus ewigem Recht in ihr erkannt und sie sich durch die stille Ausstrahlung seiner Liebe zugeführt. Diese werde nun auch den Weg bereiten für die Ankunft der Göttin und für deren weise Herrschaft. Alle Anwesenden rufen aus: „Es sei!“ Agnes wendet sich jetzt dem Bildnis der Göttin und damit dem Baphomet den Rücken zu. Sie tritt dicht an den Altar und steht nun auf einem aus Silberfäden gewobenen Tuch. Julietta tritt vor und kämmt Agnes mit einem großen verzierten Kamm symbolisch die Haare. Blanchefort verneigt sich vor ihr. Bald steht Agnes allein beim Altar der Göttin. Auf diesem liegen die beiden heiligen Kristalle. Mit jeder ihrer Hände berührt Agnes einen von ihnen. Dann hebt sie ihre Haare über die Schultern vor und dreht sich um, schaut nun den Baphomet an. Walther kommt jetzt, um ihr zu assistieren. Er reicht ihr den ersten Kristall. Diesen hält Agnes in die Enden ihrer Haare. Dann reicht er ihr den zweiten Kristall. Diesen hält sich Agnes zwischen den Brüsten in ihre Haare. Alle Anwesenden beginnen ein leises melodisches Summen, das schon bald wieder verstummt. Die beiden Kristalle beginnen zu leuchten, und ebenso Agnes´ Haare. Agnes nimmt nun die Belebung des großen Baphomet vor. Walther assistiert ihr dabei. Er reicht ihr die Kristalle an, hilft ihr auf die Stufen des runden siebenstufigen Sockels und wieder herunter. Wie danach alle im Kreise um den großen Baphomet versammelt stehen, entfährt dem Kristall auf dessen Doppelhaupt ein gleißender rötlich-violetter Strahl. Alle Anwesenden stoßen einen Jubelruf aus. Blanchefort sagt laut: „Die Zeit kommt!”. Und alle wiederholen es: Die Zeit kommt! – Agnes steht neben Walther und Blanchefort vor dem Altar. Das Licht des Baphomet strahlt sie an. Blanchefort und Julietta traten vor, dicht an den Baphomet heran. So stehen sie Agnes gegenüber. Julietta löst ihre Haare auf. Blanchefort, der dem Greisenalter nahe steht, verwandelt sich in einen jungen Mann, und Julietta die Frau in den Dreißigern, in eine gerade Zwanzigjährige. Alle Kleider fallen von ihnen ab, der Schimmer der Morgenröte hüllt sie ein. So umarmen sie sich wie ein Paar, das stehend den Liebesakt vollzieht und lösen sich dabei in zuerst rötliches und dann violettes Licht auf. Dieses Licht aber ballt sich zu einer neuen Gestalt – so, als gehe diese aus der Vereinigung der beiden anderen hervor. Es ist die Gestalt eines blonden Mannes von schöner Gestalt und mit einem edlen Gesicht, das aus Geschichtsbüchern nicht unbekannt ist: Der Kaiser Augustus. Das violette Licht wandelt sich in die Farbe der Morgenröte. Aus ihr nimmt des Kaisers Gestalt feste Form an. Von dem Bildnis der Göttin her beginnt ein sanften rosafarbenes Licht zu strahlen – das Licht der ewigen Morgenröte. Dieses Licht erfüllt zunehmend das ganze Gewölbe. Agnes und der Kaiser fassen sich bei den Händen. Zwei Frauen bereiten schweigend zwischen dem Altar der Göttin und dem Sockel des Baphomet ein Lager aus vielen purpurfarbenen Decken und Kissen. Alle anderen verlassen unterdessen still den Raum.

 

Das strenge und zugleich schöne Gesicht des Mannes, des ersten der unsterblichen Einherier, ähnelt dem männlichen Gesicht des Baphomet, denn auch dieses zeigt nun das Antlitz des Kaisers Octavian Augustus – wie das weibliche dem Gesicht des Baphomet Agnes gleicht.

 

Octavian, der erste der Einherier, spricht zu Agnes, und seine Stimme hat einen dunklen, wohltuenden Klang: „Vor undenkbarer Zeit schon kannten wir uns, von Ewigkeit her sind wir ein Paar. Du, Agnes, und ich, Octavian. Zu jenen wenigen zählen wir, die mehrere Wege durch das Irdische gehen – Du erstmals, ich zum anderen mal. Römischer Imperator bin ich gewesen, als Augustus, deutscher Kaiser und Diener der Göttin als geheimer Kontur. Jetzt erwartet mich ein neues Amt – gemeinsam mit Dir! Unsere liebende Göttin leitet uns gut, damit wir ein neues Geschlecht begründen, das dieser Welt Führer sein wird in einer neuen, lichtvollen Zeit.” Die beiden Frauen, die das Lager bereitet haben, entkleiden jetzt Agnes aus lachsroter Seide hauchdünnen Stoffen darunter. Jetzt ziehen sich auch die stummen Helferinnen aus dem Gewölbe zurück.

 

Ganz als Mann und Frau stehen Octavian und Agnes sich nun gegenüber. Agnes´ Augen leuchten und ihre Lippen glühen. Sie spürt die Kraft seines Geistes und sieht die Stärke des männlichen Körpers, der sich dem ihren nähert. Ein leises Beben durchläuft Agnes´ Leib, als berühre das Licht der Morgenröte zärtlich überall ihre Haut. Es spannen sich ihre Brüste, und ihre Arme heben sich um den Nacken des Kaisers, der mit einer Hand um ihre Taille greift und mit der anderen in die Flut ihrer Haare. So sinken sie auf das purpurne Lager nieder – zu einem werdend im Schimmer des ewigen Morgenrots, das die Göttin der Liebe sendet, das jetzt alles durchdringt, das nun alles umhüllt.

Ein neues Geschlecht wird geboren: Das Geschlecht der unsterblichen Lenker eine kommenden Zeitalters.

 

 

 

 

 

 

Das Beleben der „Figura“ des großen Baphomet.

 

 

 

Die Figur.

 

Diese ist so vorzubereiten, daß ohne Umstände sowohl der Sockel wie auch das Doppelhaupt erreicht werden kann. Die Höhe der Figur ist 127 cm, vom Scheitel des Doppelhaupts bis zum Sockelbeginn. Auf dieser ganzen Länge, durch Doppelhaupt, Frauenzopf und auseinandergehendes Zopfende, verläuft auch die vertikale runde Bohrung mit einem Durchmesser von 0,6 cm. Auf der Mitte des Doppelhaupts befindet sich eine vierkantige, nach unten konisch zulaufende Vertiefung; die Tiefe beträgt 7,3 cm, die Kantenbreite oben 5,2 cm. Dies ist die Einlassung für den oberen Stein/Kristall, den weiblichen „Ilua“, dessen untere Spitze dann in den Anfang der Bohrung reicht, während die obere Spitze zum Himmel hin ausgerichtet ist. Der untere Stein/Kristall, der männliche „Garil“, liegt unten flach und berührt den unteren Bohrungseinlaß. Über den Sockel sind keine exakten Beschreibungen vorhanden. Er ist halbkugelförmig und unten auf einem abermaligen achtkantigen Sockel befestigt. Über den oberen, halbkugelförmigen Teil des Sockels breitet sich das offene Zopfende aus. In diesem Sockel befindet sich eine Schublade.

 

Die Braut.

 

Sie soll eine schöne, würdige Frau in einem Alter zwischen 17 und 27 Jahren sein. Sie braucht besonders dichte, füllige und dabei möglichst glatte Haare von mehr als 80 cm Länge. Für den Akt der Belebung der Figur müssen diese genau 3 mag. Ellen plus eine Fingerbreite haben, das heißt eine Länge von ca. 79 cm, gemessen vom Ende des Mittelscheitels am Hinterkopf bis zu den Spitzen; die Länge muß völlig gleichmäßig sein. Auf dieses Maß werden sie am Anfang des Vorgangs rituell geschnitten. Da sie keinen einzigen Millimeter kürzer als 79 cm geraten dürfen, damit die Figur belebt werden kann, wohl aber ein wenig länger sein können, ist ein Sicherheitsmaß von ca. 80 bis 81 cm vorgesehen, mehr jedoch nicht. Die abfallenden Spitzen werden sodann in den Sockel gelegt; es genügt, wenn diese 3 cm messen, falls es mehr ist, kommt alles hinein. Sodann wird die Braut gekrönt. Die Krone hat die Form eines Diadems, welches aus goldenen Lorbeerblättern in Größe ca. 1:2 besteht, die auf einem silbernen Reifen angebracht sind. Der Reifen entspricht einem Haarreifen, der auf den Kopf gesteckt wird und an beiden Seiten vor die Ohren reicht, wo das Silbergeschmeide breiter wird und somit festen Halt gewährleistet. Oben hat der Silberreifen zwei halbrunde, nach hinten gerichtete Ansätze, welche rechts und links des Mittelscheitels in die Haare geschoben werden.

 

Die Belebung.

 

Dann werden der Braut die Haare in zwei gleichen Hälften vor die Schultern gehoben und nochmals glattgekämmt. Zuerst wird ihr jetzt der untere, der männliche Stein/Kristall angereicht. Diesen schiebt sie, hochkant, in die Enden ihrer Haare, und zwar so, daß er völlig in diesen verschwindet. So hält sie ihn mit der linken Hand fest. Dann wird ihr der obere, der weibliche Stein/Kristall angereicht. Diesen schiebt sie zwischen ihren Brüsten senkrecht in die Haare, so daß auch dieser völlig von ihnen umhüllt ist. So hält sie diesen mit der rechten Hand fest. In dieser Weise verharrt die Braut, bis die Schwingungen voll fließen, was einige Minuten dauern wird. Dann beginnt von ihrem Scheitel und auch von den Haarenden her ein Leuchten in hellroter Farbe. Wenige Augenblicke darauf erfaßt ein rötliches, leicht ins Violette gehendes, Leuchten ihre gesamten Haare (diese sind fortan, wie sie überhaupt, unverletzlich).Bald nimmt das rötliche Leuchten an Scheitel und Haarenden der Braut eine violette Farbe an. Dieses Leuchten umhüllt dann die ganze Braut für einige Augenblicke und zieht dann unten durch die Haarenden nach innen, ehe es aufhört. Jetzt werden die beiden Steine/Kristalle an ihre Plätze in der Figur gegeben. Nach wenigen Augenblicken beginnt der sichtbare obere Teil des oberen Steins/Kristalls auf dem Doppelhaupt zu leuchten, gleich darauf sendet er den affinen Ilu-Strahl aus.

 

 

 

Das mythisch/magische System.

 

Die höchste Gottheit sind die Kräfte Männlich und Weiblich, das weibliche Ilu und das männliche Ilu. In ihrer Berührung werden beide zu den Iluhe, der namenlosen Allschöpferkraft. Einen einzigen Gott, wie nach biblischer Vorstellung, gibt es demnach nicht. Unter den Iluhe gibt es jedoch viele mächtige Wesen des Jenseits; lichte, die unsere Ahnen die Götter nannten, und finstere Dämonen. Außerdem gibt es zahllose andere Wesen des Jenseits, die mitunter auch mehr oder weniger Einfluß auf die Erdenwelt nehmen. Diese diesseitige Welt ist nicht die „wahre Welt“ – denn die liegt im Jenseits –, sondern quasi ein Provisorium, das wir, die wir alle kleine gefallene Engel sind, zu unserer ersten Wiederverkörperung brauchen. Nach dem Sterben verkörpern wir uns dann in jenseitigen Welten wieder. Der Astralkörper, unser ewiger innerer Leib, bleibt dabei stets das Muster für unsere Form. Die Unterschiede zwischen Männlich und Weiblich sind ganz grundlegender Natur. Mann und Frau sind von verschiedenartigen Gottkräften erfüllt, eben entweder vom männlichen Ilu oder vom weiblichen Ilu.

Die bedeutsamste Gottheit unter den Iluhe ist die Göttin der Liebe (Venus, Aphrodite, Ischtar, Freyja, Aramati etc.), denn allein durch ihre Mittlung können die beiden Iluelemente zusammenkommen und schöpferisch werden (daher rühren auch die sexualmagischen Komponenten).

Die Wiener Baphomet-Darstellung, die schon im alten Mesopotamien ihre Vorbilder hat, soll all dies versinnbildlichen. Zugleich ist sie eine magische Anlage. Aufgrund ganz bestimmter Abmessungen und Proportionen, sollen zwei mit Ilu-Schwingungen aufgeladene Kristalle in ihr belebt werden. Auch der Schliff der Kristalle spiet dabei eine Rolle, der eine ist für die weiblichen Schwingungen geeignet und der andere für die männlichen. Die belebende Verbindung zwischen diesen beiden kann allein von einer jungen Frau durch deren lange Haare geschaffen werden; diese Frau übernimmt dabei gewissermaßen die Funktion der Göttin. Da der weibliche Astralkörper (im Gegensatz zum männlichen) auf großer Länge die Haare umfaßt, wirken diese wie „Antennen“ in das Reich der Göttin. Der Planet Venus, der Stern der Liebesgöttin, ist die Schwingungsschleuse zum lichten Jenseits. Der Begriff Einherier stammt aus dem Germanischen, die Mythe um die Welt der ewigen Morgenröte hingegen aus Rom. Kaiser Augustus, der ihr anhing und auch in dieser Geschichte wichtig ist, hatte eine Geliebte halb germanischer Herkunft. Durch diese dürfte jener germanische Begriff nach Rom eingewandert sein. Die Mythe besagt, daß es in ganz bestimmten Fällen zu Verkörperungen von Halbgöttern auf Erden kommen kann, wie auch zur Wiedergeburt bedeutender Persönlichkeiten. Dazu bedarf es mehrerer magischer Vorgänge, die immer in einer Verbindung von Mann und Frau gipfeln – in der Vereinigung der Iluhe im Licht der ewigen Morgenröte, den Strahlen der alles bewirkenden Liebesgöttin.

 

Von dergleichen spricht diese Geschichte:

Die Braut des Baphomet.

 

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Mental - Ray möchte informieren. Kein Kommerz, keine Werbung !
28. Juli 2010 20:10:57 +0200