Teil2
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 Inhaltsverzeichnis dieser Struktur

 

( Zweiter Teil )

 

4.1    Als entdeckt worden war in Walhall der Verlust des heiligen  

Steines Ilua und all dort erkannt, was geschehen, da hub ein  

lautes Klagen an in der Göttinnen und Götter Gefilde, weil das

kostbare Kleinod vom argen Feinde ward geraubt. Und keiner wußte,

was zu tun, um es zurück zu beschaffen.

4.2   

Istara (1 schließlich, deren Geist von allen Göttinnen und Göttern

am größten und stärksten – sie steht ja am nächsten bei Il und

den Iluhe, – sprach in der hohen Versammlung, welche da tagte:

Von den Göttern und Göttinnen niemand kann hinein in des

Feindes grausen höllischen Pfuhl, weil dort Finsternis auffrißt

einjedes Licht. Eine Dämonin aber, eine lichten Wesens, uns

Göttern verbunden, vollbrächte es wohl. Eine bestimmte ist’s,

an die ich dabei denke, Isais, die Schöne aus Kuthagracht(2

Diese wollen wir fragen, ob sie womöglich willens sei, den kühnen

Ritt zu wagen. Darauf sprach Wodin,(3 sich von seinem Sitze

erhebend Wahrhaftig, wollte Isais dies unternehmen, so wollten

wir sie zum Danke zur Göttin erheben, zu einer der unsrigen,

daheim in Walhall.

4.3   

So wurde also beschlossen, Isais zu fragen, ihr anzutragen, das Werk zu

vollbringen. Zum Preise böte Istara ihr an ihren einzigen

Zauberspiegel, mit dem der Blick durchstreift sämtliche

Weltenheiten und überschaut alle Zeiten; und Wodin wollte dazu

ihr geben seines Speeres Spitze, als alle Räume und Zeiten

durchdringenden Dolch. Außerdem sollte Isais auf immer Gastrecht

in Wallhall erhalten, und mehr, gar zur vollkommenen Göttin

erhoben sein.

4.4   

Also ward es beschlossen, also begonnen. Nach Kuthagracht hin sandte nun

Wodin seine Gedanken aus, geflügelt in zweier Raben Gestalt,

wohlbekannt in allen Weltenheiten des Jenseits.

Schnell sollte Isais die Botschaft empfangen, wohl zu folgen der

Götter bittendem Ruf.  

1) Ischtar/Eostar/Freyja/Venus/Aphrodite/Aschera, Aramati etc.; die Liebesgöttin,

2) Das Dämonenreich (auch Kuthärach),  

3) Odin/Wotan/Marduk/Jupiter/Zeus/Indra. Die  Verwandtschaft oder sogar Identitzität dieser Götter kann als sicher gelten. In Mesopotamien war auch die Anrede des höchsten Gottes mit dem Namen ‚Bel‘ häufig. Die Assyrer setzten diesen mit ihrem Hauptgott ‚Assur‘ gleich. In einer Verbindung zu diesem dürfte eine der frühesten Isais(Isait)-Mythen stehen.

    

5.1   

  Isais, die Maid, war ganz eigenen Wesens. Daheim wohl in Kuthagracht,

fern gelegen in Grünlands(1 Weiten, und doch stets

dem Götterlicht zugetan, wohl fähig, die erbetene Tat

zu vollbringen. Und wie Wodins Gedanken zu ihr hin flogen,

nahm Isais sie sogleich wahr. Diese sprachen vorerst nicht mehr,

als sie möge sich eilends nach Walhall begeben.

5.2   

Bald bestieg Isais ihr leuchtendes Flügelroß, Widar mit Namen,

rief herbei ihre beiden schneeweißen Panther, Ohm und Olah

genannt, und begab sich auf den hurtigen Weg, mit lang wehenden

Haaren und weit flatternden Röcken. 

5.3

Von weitem schon sah man in Walhall sie kommen, es freuten

sich sehr alle Göttinnen und alle Götter, denn Hilfe versprach  

ja die tapfere Maid, die schöne und kluge aus Kuthagracht.

Ganz besonders ward der Empfang ihr bereitet, Labung geboten

und freundliche Worte, bis Isais endlich die Frage erhob, was

es mit der Eile wohl auf sich habe, die Wodins Botschaft verkündet‘.

5.4   

Daraufhin ergriff Istara das Wort und führte die folgende Rede:

Arges ist Walhall nun widerfahren, und Du, Isais, kannst retten, was

dringend zu retten ist. Ilua, der lila schimmernde heilige Stein, in

welchem iluisches Licht ist gebannt, wurde von Knechten des finsteren

Feindes geraubt und in Schaddains Höllwelt entführt.

Jetzt tut es Not, den hohen Stein zu bergen, doch der Weg dorthin ist

allen Göttern versperrt, keiner von uns könnt‘ hinein in die Höll.

Du aber, stammend auch Kuthagracht, vermöchtest dies wohl

zu meistern.

5.5   

Isais hatte dem zugehört und entgegnete nun mit folgenden Worten:

Du, Istara, weißt doch genau, daß die Höllwelt das Wesen des

Weiblichen haßt. So wenn ich den Mut auch hätte, bliebe der Gang

doch unmöglich.  

5.6

Doch Istara hielt Antwort bereit, wußte dies zu erwidern:

Wohl ist wahr was Du sagst. Jedoch gibt es ein Mittel, durch

das Du die Wege Dir ebnest: Nimm an für den Ritt eine 

Knabentracht. Eine Kapuze benutze, sie beschatte Dein Antlitz. 

Du bist zierlich beschaffen, fast für ein Kind mag man Dich halten,

warum also nicht für einen niedlichen Knaben, so Du Dich danach

bewegst.

5.7   

Isais aber gab darauf zurück:

Es wird dennoch nicht gehen, denn sieh‘ meine schöne Lockenfülle.

Bis zu den Füßen reicht mir mein Haar und berührt sogar noch den

Boden. Keine Kapuze reichte aus, meine Haare darin zu verstecken,

an Länge wie Dicke stehen sie den Haaren einer Göttin nicht nach.

Würde ich sie mir auch zu vielen Zöpfen flechten und feste 

zusammenschnüren, bliebe die Menge dennoch so viel, daß ich mich

als Knabe nicht zu tarnen vermöchte.

 

1)       Der Jenseitskosmos, beziehungsweise eine alle jenseitigen Welten und auch den diesseitigen Kosmos umspannende Generalschwingungssphäre, in die sich alle Wesen bewegen können.

 

 

5.8   

Nachdenklich senkte Istara den Kopf und streichelte Isais

prachtvolle Haare. Dann sprach sie erneut:

Wahr ist, was Du sagst, und Frauenhaare sind heilig. Schönheit

und Reichtum an Lichtkraft sind sie, und Du, Isais, bist darin

besonders beglückt. Sünde wär’s, von Deinen Haaren ein Stück

zu schneiden. Darum wird Dich keiner ersuchen.

5.9   

Da mengte sich aber Sifra(1 ein und sprach mit erhobener

Stimme die Worte:  

Soll Iluas Glanz in der Höllenwelt bleiben, weil Isais an ihrer

Haarpracht kein Opfer mag bringen? Es würde genügen, nur ein

Stück abzuschneiden, vielleicht gar nicht einmal 

allzu viel, auf das Isais sich wohl tarnen könnte und das Werk

doch noch vollbringen.

5.10

Wodin sprach streng:

Isais‘ Haare sind heilig, wie es Istara gesagt. Keiner dränge sie

zu falschem Opfer. Es muß andren Weg geben, zu erfüllen den

Zweck. Darüber solltet ihr denken!

5.11

Und es dachten und grübelten die Göttinnen und die Götter

keine Lösung aber erfindend, bis Sifra zu Isais dann sprach:

Was wäre, Isais, brächtest Du das Opfer, und gleich nach dem

Werk bekämest Du doppelt zurück, so du möchtest auch dreifach,

was Du jetzt müßtest lassen? Istara und Wodin haben die Macht,

Dir dies und noch andres zu schnelle geben! Bedenke, wie

wertvoll Ilua ist, der geraubte Stein voll göttlichen Lichts.  

5.12

Da betrachtete Isais nachsinnend ihrer Locken Fülle und sprach:

Last zumindest uns prüfen, wie viel zu opfern vonnöten denn wäre.

Und es hantierten sie mit Isais‘ Haaren, um zu prüfen, wie viel

sich würde verstecken lassen, wie viel aber nicht könnte bleiben.

Endlich gab Sifra die schmerzliche Antwort:

Bis unter Deinen Gürtel, aber nicht mehr als bis zur Hüften,

würd‘ von den wallenden Locken Dir bleiben, die göttinnengleich

lange Haarespracht bis zum Boden indes, müßte in Mengen doch

fallen unter scharf schneidenden Klingen. Hier reiche ich Dir

einen goldenen Kamm, prüfe noch einmal Du selbst ganz allein.

5.13 

Während sinnend Isais die Haare sich kämmte, sprach sie in

lauten Gedanken:

Die schönen Menschenfrauen der Erdenwelt haben der Haaresläng‘

mehr als bis an die Hüfte. In vollgültiger Hüftläng‘ will auch

ich meine Locken ganz sicher behalten. Was darüber hinaus hängt,

mag herabfallen unter schrecklicher Schneide. 

Ein größeres Opfer indes kann ich nicht erbringen.  

1)  unbekannt, möglicherweise handelt es sich um eine der zahlreichen Götterbotinnen aus der mesopotamischen Mythen- und Sagenwelt. Eine etwaige Gleichstellung mit der Sif der Edda erscheint höchst fraglich.  

 

5.14

Da kam Istara heran und sprach zu Isais die Worte:

Zu diesem Opfer drängen die Götter Dich nicht. Wohl aber sind

sie Dir dankbar dafür. Das halbe Längenmaß, welches dir beinahe

verbleibt, wird sich genügend verbergen lassen. Sehr bald dann

erhältst Du ja wieder die ganze schöne vollkommene Länge.

Außerdem schenke zum Danke ich Dir und als nützliches Werkzeug

für Deinen Weg meinen wundersamen magischen Spiegel, der

selbst mir heilig ist. Ich will ich sogleich für Dich holen. Von nun

an gehöre und diene er Dir !

5.14 

Wodin trat nun gleichfalls heran, und er sprach die bedrückten Worte:

Mich schmerzt, Isais, Dein Opfer, will’s drum auch nicht mit

ansehen müssen. Doch um Iluas willen soll’s halt geschehen. Der

Schaden ist bald wieder vollständig gut. Und zum Danke, wie auch als

wirksame Waffe, vermache ich Dir meines Speeres Spitze, die mir

selbst heilig ist. Zu einem niedlichen Dolch forme ich sie Dir um, tue es

sogleich und mit eigener Hand !  

5.16

Sifra brachte eine silberne Schere und sprach zu Isais die Worte:

Wende mir jetzt den Rücken zu, damit ich mit geschickter Hand von

Deiner Locken Pracht ein Stück ab kann schneiden. Fürchte dabei

aber nichts, die scharfe Schere packt gewißlich nicht mehr, als Du

hast zugestimmt. Mit Schaudern dreht‘ sich Isais um und fühlte bald

unter Tränen mit Schmerzen, wie die scharfen Klingen in Ihren Haaren

knirschten und mühsam die füllige Lockenmenge durchtrennte bei

ihren Hüften. Bald bedeckte den Boden viel prächtigen Locken, die

reichlich unter der Schneide waren gefallen.

5.17

Hernach kämmte Isais mit goldenem Kamm, ihr bis zur Hüfte geschnittenes

Haar, welches für eine irdische Frau noch recht schön wär‘ gewesen,

einer Göttlichen jedoch sicher bei weitem zu wenig.(1

Istara und Wodin kehrten nun wieder, bereithaltend die versproch‘nen

Geschenke, indessen Sifra suchte passende Kleidung für Isais

kommenden Ritt. Isais aber sprach zu den Göttern die Worte:

Arge Last hab ich für Euch auf mich genommen, verloren fünf Ellen

von meinen Haaren, an denen ich hing. Eure Geschenke behaltet

getrost, ich mag sie nicht mehr haben. Die verlorenen Ellen aber

sollt ihr verwahren, als Andenken hole ich später sie mir.

5.18 

 Darauf sprach Wodin, die Scham nicht verhehlend:

Dein Opfer, Isais, bekümmert uns wohl, verkenne nicht, wie es

ganz Walhall schmerzt. Doch schon bald wird ja Deiner Locken Länge

Dir in vollem Ausmaße wieder zuteil. Anders steht’s da um meinen

heiligen Speer. Seine Spitze entbehr‘ ich nun mehr für immer und

schenke sie Dir von Herzen gern. Mit eigener Hand brach ich sie vom

Schaft und schuf aus ihr für Dich diesen Dolch, zierlich der

Frauenhand angemessen. Keine bessere Waffe, nächst meinem

heiligen Schwert, kennen sämtliche Weltenheiten. Ihr Stoß durchdringt

jedes Feindes Panzer und nie geht er fehl. Überdies mehr

dient Dir die hehre Waffe, von einer in die andre Welt zu gelangen

und von einer in die andere Zeit. Der Besitz dieses Dolches erhebt

Dich zur Göttin. Nimm an dies Geschenk, allein Dir ist es zugedacht.

Und Wodin legte den Dolch aus seines Speeres Spitze auf Isais‘

gefallene Lockenstücke.  

1) Alle Frauenwesen – auch die Frauen der Menschen – besitzen mit ihrem ewigen ‚Himmlischen Leib‘ (auf Erden der Astralkörper) sehr lange Haare (im Gegensatz zu Männern); diese sind im Jenseits unverwundbar. Insofern widerspricht diese Dichtung den alten Mythen, nach denen weibliches Haar außerhalb der irdischen Welt in keinem Falle geschnitten werden kann.  

5.19 

Nun kam Istara heran, ihren Spiegel tragend, und sprach:

Höre, Isais, was ich Dir sage zu diesem meinem Geschenke für Dich.

Der magische Spiegel verleiht Dir die Macht, alles zu schauen in allen

Welten und zu allen Zeiten. Nichts wird Dir fortan mehr verborgen

sein, sogar die Gedanken der Götter spiegeln sich wider in diesem

kostbaren Glas. Was der Menschen Geschicke anbetrifft, um 

deretwillen Ilua Du heimholen sollst, so zeigt der Spiegel Dir zu jeder

Zeit deren Vergangenheit, Augenblick und zukünftig‘ Schicksal.

Durch den Besitz dieses magischen Heiligtums, bist Du abermals

zu einer Göttin erhoben.

Und Istara legte den handlichen Spiegel auf Isais‘ gefallene

Lockenstücke.

5.20 

Durch solches Tun der heiligen Götter, fühlte sich Isais gerührt

und sprach zu Istara und Wodin die Worte:

Zwar schmerzen mich die Wunden, die ich empfangen habe

durch Scherenschnitte, doch sprecht Ihr wahr, dieser Schaden wird

wieder geheilt. Eure Geschenke indes soll’n auf immer mir bleiben. So

will ich’s nicht haben. Um Ilua wiederzugewinnen benutz‘ ich sie gern

und behalte auch Spiegel und Speer, bis Ilua und Garil ihr Werk

haben vollbracht für die hoffende Menschenwelt. Dann aber sollen die

Kostbarkeiten Euch wieder werden, ich aber kehre heim in meinen

Palast an Kuthagrachts fernen Ge-staden. Es soll kein Wesen versuch

zu sein, was es von Anfang nicht ist;

und mein Zuhause heißt nicht Walhall, mag Euer Anerbieten mich

auch noch so hoch ehren.

5.21 

Darauf erhob Wodin seine Rechte zum Gruß und sprach mit kräftiger

Stimme: Wann immer Du willst, magst willkommen Du sein, Isais,

freundliche Maid, in Walhalls Raum. Mein guter Wunsch begleite Dich

nun.

Und Istara sprach:

Auch mein Gruß sei Dir, und es begleiten Dich meine Gedanken.  

5.22

Als nächstes Sifra brachte Knabenkleider, und Isais legte diese auch

an: Grünes Wams mit breitem Gürtel, gülden verziert, grüne Strümpfe

dazu und zierliche Stiefel. An den Kragen des Wamses knüpfte Sifra

sodann eine tiefe grüne Kapuze. In dieser verstaute sie behende

Isaiens quellende Locken, welche nun drei Ellen(1 noch maßen.

5.23

Wie dies alles geschehen, entnahm ihrem Gürtel Sifra einen niedlichen

Kieselstein und reicht‘ ihn Isais mit folgenden Worten :

Nur dieses kleine Geschenk kann ich zum Dank Dir vermachen.

Gar unscheinbar wirkt es, schaust Du es an. Es ist aber doch ein

magischer Stein, der Kräfte zu bannen vermag und Licht spendet

wo immer Du willst. Möge vielleicht er Dir nützlich sein.

5.24

So mit allem gerüstet, brach Isais auf. Es staunten Widar, Olah und

Ohm, ihre Herrin gar so verwandelt zu sehen, und Widar wollte

anfänglich sich weigern, sie in den Sattel zu lassen. Endlich

erkanntedas Flügelroß doch, daß nichts Fremdes da war. Aber alle,

Widar, Olah und Ohm, weinten ob der Veränderung und es ließen die

Tränen erst nach, als Isais ihnen auf Ehre versprach, bald wieder ganz

wie einst und zu sein.

 

 

Mental - Ray möchte informieren. Kein Kommerz, keine Werbung !
28. Juli 2010 20:11:04 +0200