Teil3
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 Inhaltsverzeichnis dieser Struktur

( Dritter Teil )

 

6.1

Wie Isais auf Kuthagrachts Zinnen mit Widar ging nieder, auf der

prächtigen Mauer aus blaugrünem Kristall, da trat ihr gleich Malok

entgegen, der kühne Recke mit dem Haupt eines Stiers und mit

Flügeln wie jenen des Adlers. Malok, der Isais stets in Stille liebte,

schwollen die Augen in glühender Wut, und der fragte die 

angekommene Maid mit bitterlich dröhnender Stimme:

Wer hat Dich, Isais, so zugerichtet, Dir diese Schande angetan?

Von Deines Hauptes Haaren fehlt die Hälfte der Länge, bis zum

Boden waren sie wallend, reichen jetzt nur noch an Deine Hüften.

Auch Deine wehenden Kleider seh‘ ich nicht mehr. Vernichtung

durch alle Ewigkeit will ich den Schuldigen schwören. Zugleich will

ich Lamaschuta(1 bewegen, Dir das Verlor’ne unverzüglich erneut

zu erstatten!

6.2

Da stieg Isais herab von dem Flügelroß, trat zu Malok und legt‘

ihre zarte Hand an die schwellende Schulter des Recken; so gab

sie ihm auf seine zornige Rede beruhigend Entgegnung:

Auch mich quält, was Du an mir siehst. Doch es ist nur für kurze

Zeit und tut Not, daß ich eine Tat vollbringen, die Wallhall erbat,

um zu erretten die Erde der Menschen.

6.3

Malok erwiderte ihr in entrüstetem Ton:

Was berührt Dich der Menschen Geschlecht und was machst Du

Dir Walhalls Sorgen zueigen? Deine Heimat ist Kuthagracht, das

stolze, das keinem Gott sich je beugte und sich um Menschengeschicke

nicht kümmert. Schämst Du Dich etwa Deines Stamms,

der Abkunft von weisen Dämonen(2, daß Du den Göttern willfährst ?

Diese fürchten uns – nicht fürchten wir sie !

6.4

Isais gab dem Recken zur Antwort:

Malok, mein Guter, nie werde ich meines Stammes mich schämen

noch demütig vor wem auch immer mich beugen, das ist es nicht !

Den gemeinsamen Feind gilt es, zu bekämpfen: Schaddain, den

finsteren Fürsten der Schatten. Gegen ihn will ich ausziehen, da

hab ich ein Amt im Namen Walhalls übernommen. So Du willst,

stehe mir bei in dem schwierigen Streite.  

1) Vermutlich babylonische Ellen (à 26,5 cm), d.h. ca. 80 Zentimeter.

2) Lamaschtu / Lamaschut, die Königin des Dämonenreichs

6.5

 Ohne Zögern sprach Malok sogleich:

In jedem Kampf steh‘ ich wacker Dir bei, Isais, das sei gewiß.

Den Willen der Götter aber will ich nicht tun noch mich um der

Menschenwelt willen plagen. Und auch Du wirst nicht tun, was

Lamaschuta und Paschuzu(1 nicht wollen. Vor diese tritt also

zuerst hin, laß uns hören, was unsre Obersten sagen.

6.6

Dem stimmte Isais auch sogleich zu. Gemeinsam mit Malok schritt

sie in die Stadt, von befremdeten Blicken der Bewohner gemustert,

und endlich hinein in den Königspalast, bis hin vor den prangen-

den Herrscherthron. Wie Paschuzu die Kommenden aber sah, da

wandte er sein Angesicht ab und sprach mit bebender Stimme:

Isais ! Tochter aus Kuthagracht ! Wer tat die Schande Dir an, Dir

des Haupthaares prächtige Länge zu kürzen und fortzunehmen

die Frauengewänder? Sprich schnell, gegen wen muß Kuthagrachts

Heer gleich sich wenden, um den argen Frevel zu rächen? -

Und Lamaschuta erhob sich entsetzt von dem Thron, um zu rufen:

Isais ! Tochter aus Kuthagracht ! Sprich, welchen Feind unsre

Heere sollen strafen? Malok seh‘ ich schon an Deiner Seite, er

wird führen einen vortrefflichen Krieg!

6.7

Isais aber sagte darauf die Worte:

Mein König und meine Königin! Kein arger Feind hat mich so

gequält. Um des Streits wider Schaddain brachte ich jenes Opfer,

das Walhalls Götter erbaten im gedenken des Menschengeschicks.

Denn Schaddain vermocht‘ zu rauben Ilua, den magischen lila Stein.

Ich nahm an das Amt, ihn zurück zu gewinnen.  

6.8

Wortlos im Zorn verließ der König den Saal, und die Königin

sprach in verhaltenem Grimm:

Solches Amt kann nicht sein derer von Kuthagracht! Was Du tatest

war falsch, was Du tun willst, ist fehl!

6.9

 Indes Isais erwidert‘ der Königin:

Schaddain ist Feind uns allen gemeinsam. Soll‘n wir ihn so

viel gewinnen lassen, wie er gewönne durch jenen magischen

Stein? Ist’s nicht besser, den Finsterling zu bekämpfen, ihm

zu entwinden, was er aus Walhall geraubt? Mein Opfer war

schmerzlich, doch wird bald wieder gut der an mir entstandene

Schaden. Wir haben ja Macht genug, solches zu richten.

6.10 

Die Königin war damit unzufrieden, zornig sprach sie dagegen:

An der Schade jedoch vermag dies nichts zu verändern, angetan

einer Tochter von Kuthagracht! Ob Dir verziehen wird, Isais,

soll Lilitane(2 entscheiden, die erste der weiblichen Kräfte darhier.  

1) Pazuzu

2) „Dämonen“ sind hier keine von vornherein negativen Wesen!

 Der Begriff meint von den Göttern Unabhängige.     

6.11 

Und die Königin ließ rufen herbei die Genannte, auf das diese

ihr Urteil gäbe, Lilitane, das prächtigste Weib in Kuthagrachts

Reich, bewundert von aller Männlichkeit und aller Weiblichkeit

bestes Vorbild. Im wogend Gewand Lilitane erschien, das dreimal

bodenlange Haupthaar vielfach gebunden und glitzernd von

schmückenden Steinen. So betrat Lilitane, die schönste, den Saal,

allen Prunk, der da war, überstrahlend.

Die Königin sprach zu der Schönsten die Worte:

Lilitane, schau Dir Isaien an, diese Tochter von Kuthagracht !

Gefallen sind ihre Frauenkleider und, am schlimmsten, gekürzt

ist ihr Frauenhaar. Das alles tat sie, um in Götternamen, einen

Dienst den Erdenmenschen zu leisten. Sprich Du nun das Urteil,

als die erste des Frauengeistes in Kuthagracht, ob Isais dies

kann verziehen werden oder ob sie soll Strafe empfangen.  

6.12

Lilitane trat an Isais heran, betrachtet‘ diese und begann ihre Rede:

Keine ärgere Schmach gibt es für eine Frau, als zu schneiden an

ihren Locken ! Von den Deinen, so seh‘ ich, fiel eine Menge herab

durch die Bosheit scharf schneidender Klingen. Sogar unter den

Menschenweibern die schönsten, besitzen das Haupthaar länger

als Deines nun ist. Es kann dafür keine Entschuldigung geben –

keine Ursach‘, welche auch immer, kann dafür stehen. Doch zu

strafen, das ist nicht an mir. Was ich meine, wonach ich ward

gefragt, das sagte ich nun soeben.

6.13

Also sprach zu Isais die Königin wieder:

Du hast es vernommen, so denke auch ich, und der König sieht

es nicht anders. Mein Urteil über Dich ist nun dieses: Eine

kleine Frist sollst Du haben, zu tun, was Du vollbringen möchtest

Kehrst Du dann nicht wieder im vollkommenen Bild, in aller

Würde einer Tochter aus Kuthagracht, so seien Dir der Heimat

Tore unwiderruflich auf immer versperrt!

6.14 

Gebeugten Haupts verließ Isais den Saal, selbst Malok mocht‘

sie so, wie sie war, nicht mehr anschauen. Und sogar Widar,

Olah und Ohm neigten ihr nicht mehr so zu, wie früher. So fand die

zarte Isais doch, Falsches getan zu haben. Allein durch einen Sieg

über Schaddain, so meint‘ sie, kämen ihr verlorene Achtung und

Liebe zurück.

6.15

 Also verließ Isais nun Kuthagracht, ritt entgegen der Welt

tiefster Finsternis, in welcher der Schaddain regiert. Bald schon

erstrahlten Kuthagrachts grüne Sonnen, unter deren Licht die

kristallnen Paläste da funkeln, ihrem Wege nicht mehr. Und vor-

bei an den schwebenden Inseln von Khor(2 enteilte Isais ins Weite.  

1) unbekannt  (Lilith?) 

2) Nach Nortbert Jürgen Ratthofer, die diese Mythe ev. für eine inner-kosmische Sage hält, Monde des Planeten Sumi im Sonnensystem Aldebaran (gewagt).  

 

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28. Juli 2010 20:11:04 +0200