Teil4
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 Inhaltsverzeichnis dieser Struktur

 

(Vierter Teil)

7.1

Rast legte Isais auf ihrem Weg ein auf Narogols(1 dunklem

Stern, welcher nächst schon zum Höllenpfuhl liegt, ist aber

doch noch viel besseren Wesens. Flüchtlinge aus der grausigen

Höll, treffen sich dort mitunter, Schutz zu suchen vor

Schaddains Häschern, welchen Narogol solchen auch gewährt.

Daher kommt es, daß die Bewohner jenes dunklen Sterns

manches wissen, was Isais konnt nützen für ihre Reise.

7.2

In Narogols Welt niemand nahm Anstoß an Isaiens verletzter

Erscheinung. Die Bewohner da kannten nicht die vollendete

Schönheit der Frauen von Walhall und von Kuthagracht, dem

Menschengeschlecht entstammten die meisten, welche nach

ihrem Sterben in die Höllwelt waren gelangt und dann mit

Glück von dort entwichen; andere waren entlaufene Engel, 

nicht arg, doch ohne ein hohes Licht. Diesen allen kam Isais 

vor, auch wie sie gerade war, als eine Maid von strahlender

Schönheit.

Mit den Bewohnern dieser dunklen Welt, gedachte Isais zu

reden, mit jenen besonders, welche den Höllenpfuhl kannten,

um nützliches Wissen zu sammeln.

7.3

 So sprach an Isais ein locker bekleidetes Weib, welches ihren

Weg kreuzte, und frug :

Isais bin ich, eine Kuthagrachttochter. Willst Du, Unbekannte,

mir vielleicht einiges sagen, was Du vom Höllenpfuhl weißt? -

Die Unbekannte hielt inne im Schritt, betrachtet Isaien und

gab ihr zur Antwort:

Nichts Gutes weiß ich Dir, Isais, da zu berichten. Schlimm ist

die Höllwelt, besonders für die Frauen, weil Schaddain uns

gnadenlos haßt. Ich warne Dich also viele tausendmal !

Die Männer macht er sich dadurch zu Sklaven, daß er aus

ihren Leibern läßt zerren die Sehnen. Solches tut Schaddain

mit allen Männern als erstes, die seine Opfer werden. Die

Frauen wirft er ganz auf den Boden und läßt ihnen im Nacken

die Haare abschneiden zur Qual. Solches tut Schaddain mit

allen Frauen als erstes, die seine Opfer werden. Allein die

tapfersten Männer und die stolzesten Frauen, welche nicht

gänzlich lichtlos sind, werfen sich niemals zu Boden. Und so

lange sie sich nicht niederwerfen, kann Schaddain den

Männern nicht die Sehnen entziehen und den Frauen die 

langen Locken nicht von den Häuptern scheren; denn am

Willen, welcher durch Licht gestärkt, bricht

Schaddains Macht selbst inmitten der Höll! Doch hüte Du wohl

Dich und Deine wallenden Locken, halte Dich fern Schaddains

Welt ! In den Vorhöfen seines höllischen Pfuhls, hält er die

aufrechten Frauen gefangen und läßt sie ohne Unterlaß

martern; nichts ist so schrecklich und so voller Qualen wie

dies! Denn die Flucht aus der Hölle gelinget höchst selten. Mir

ist es geglückt, doch die meisten scheitern. Auch hab‘ ich mich

trotz aller Folter und Not niemals zu Boden gebeugt, nie bot ich

dar Schaddains geschliffene Scheren die langen Frauenhaare

zum Schnitt. So bewahrte ich mir jene weibliche Kräfte, die

stärker sind als der Hölle Bann, und schließlich konnt‘ ich vor

Zeiten entfliehen. Wer zu entweichen vermag, sucht bei

Narogol Schutz; er allein gewährt Beschirmung denen, die der

grausigen Hölle entronnen sind.

Dafür danken wir alle ihm sehr, sind ihm treu und herzlich

ergeben auf immer. Du aber, Tochter von Kuthagracht, was

kümmern Dich unsre Geschicke? Die Dämonen berührte doch

noch nie, was sie nicht allein selbst anbetrifft ?   

1)  unbekannt, möglicherweise Nergal?

 

7.4

Wie Isais dies hörte, schämte sie sich, und sprach zu der

Unbekannten die Worte:

Was Du sagst ist wohl wahr, ich verhehle es nicht und

verleugne auch nicht, daß mir’s nicht gefällt. Wäre ich

Kuthagrachts Königin, stünden wir Dir und deinesgleichen bei,

das ist gewiß.

Doch bin ich keine Herrscherin im Reich der blaugrünen

Paläste, vielmehr nur eine einsame Maid, die jetzt ihren Mut

muß entfalten, um in Schaddains Welt gegen diesen zu

kämpfen.

7.5

Da staunte die Unbekannte gar sehr, hob die Arme und

sprach zu Isais beschwörend:

Tue solches nicht, ich bitte Dich sehr, Dir zuliebe und weil

guter Sinn es gebietet! Unmöglich ist’s Dir, Schaddain zu

besiegen inmitten seiner eigenen Welt! Käm‘ er heraus, würden

auch wir mit ihm fertig, doch da es dies weiß, verläßt er zu

keiner Zeit seinen höllischen Hof, hält sich stets unter dichtem

Schutz seiner finsteren Kriegerscharen. Gib also auf den über-

mütigen Plan, rette dich vor Schande und Qual, meide die

schreckliche Höllenwelt! -

Unter beschwörenden Gesten ward dies gesprochen, und so

ging ihres weiteren Wegs die gütige Unbekannte.  

7.6

Einen Mann, der nächst ihr begegnete, fragte Isais, was sie

die Frau schon gefragt, und erhielt zur Antwort das gleiche.

Und so ging es weiter, bis Isais fand, Narogol selber fragen

zu sollen. Dieser ist der Dämonen Freund nicht noch Feind.

Einst war er ein lichtloser Engel gewesen im fernen iluischen

Reich allen Anfangs.(1 Dieses verließ er, den Schaddain noch

begleitend, bis er sich mit dem überwarf.(1 So baute Narogol

seine eigene Welt, zwar dunkel, jedoch nicht finster. Danach

ist auch seine Welt, nicht sonnenlos, doch nur von stets

dämmerndem bläulichem Schein.

1) Siehe dazu Motive aus Ilu Ischtar u. im Karthager-Buch  Ilu Aschera.

 

7.7

Aus dunkelblauen und grauen unbehauenen Felsen ist Narogols

Palast aufgetürmt. Da hinein lenkt‘ Isais nun ihre zügigen

Schritte. König Narogol bot Isais Willkommensgruß, lud ein sie,

bei ihm zu weilen. Auch Algika(1, seine Königin, bot Isaien die

Gastfreundschaft an, wünschte zuvor aber von ihr zu wissen,

woher die Entstellung rühre, wer habe beschnitten ihre 

schimmernde Schönheit und sie der wogenden Kleider verlustig

gemacht.

Die Antwort, welche Isais gab, erschütterte Algika und Narogol

in gleichem Maße; und wie sie hörten von Isaiens Plan, rieten

sie inständig ihr, von solcher Kühnheit zu lassen.

7.8

Da Isais indes von ihrem Mut wollt nicht weichen, bot Narogol

ihr seine Hilfe an und tat dies mit folgenden Worten:

Eines nur kann ich zur Unterstützung Dir geben, Isais, Du

tapfere Maid: Erbekan(2 soll Dich soweit hin auf seinem Rücken

tragen, so weit wie das nur irgend möglich ist. Seine

Schwingen sind kräftig und sein Rachen ist stark; schwarzes

Höllengeflatter verschlingt er geschwind. Das mag Dir einen

Teil des mühsamen Weges noch ebnen, ehe die schreckliche

Höllenwelt selbst kein weit’res Hinein mehr erlaubt.

Dies Anerbieten erfreut‘ Isais sehr, des machtvollen Drachens

schnell tragende Schwingen würden gewißlich fördern das

schwierige Werk.

7.9

Auf einer Waldeslichtung in Narogols Welt, ließ Isais warten

Widar, Olah und Ohm, welche ihr stille immer noch grollten.

Sodann bestieg sie den Rücken von Erbekan dem gepanzerten

Drachen, und hieß ihn, dem Höllenpfuhl zuzustreben.

7.10

Immer tiefer hinein in die Düsternis, führte der rauschende

Flug, Schaddains finsterem Schlunte entgegen, der keinen

Lichtschimmer kennt.

Bald kamen in Sicht die Vorhöfe der Höll, und Isais hieß

den tüchtigen Drachen, sie dort niederzusetzen. Mit Dank

und Gruß entließ sie ihn heim, fortan allein weiterzuziehen.

 

 

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28. Juli 2010 20:11:04 +0200